Warum Sachleistungen für Flüchtlinge mittelbar Fremdenfeindlichkeit schüren.

Laut einer Umfrage des Politbarometer Wahlen befürworten 69% der Befragten Sachleistungen statt Geldleistungen für Flüchtlinge.

Dieses Ergebnis ist ein Schlag ins Gesicht für jene, die sich für eine echte Willkommenskultur stark machen und ein Beleg für die Wirksamkeit von populistischen, aber völlig irreführenden Wortmeldungen namhafter Politiker. Unter anderem sprachen sich in den letzten Wochen De Maiziere, Bundesinnenminister, CDU; Bouffier, Ministerpräsident von Hessen, CDU und CSU Innenminister Herrmann für Sachleistungen aus. Begründet wird dies damit, dass das Taschengeld, welches bisher bezahlt wird, ein Anreiz für viele Menschen aus den südosteuropäischen Ländern sei, nach Deutschland zu kommen.

Obgleich darüber gestritten werden kann, ob die Menschen aus besagten Ländern nun wegen finanzieller Leistungen nach Deutschland aufbrechen oder aus anderen Gründen ihre Heimat verlassen, sind derartige Vorschläge schon aus ganz anderen Gründen verwerflich.

  1. Offensichtlich wird davon ausgegangen, dass man mit Sachleistungen Geld einsparen würde. Zumindest soll dies aber der deutsche Bürger glauben. Zu bedenken ist aber, dass auch Sachleistungen beschafft werden müssen. Die Beschaffung also vorab Geld kostet. Zudem muss ein logistischer und verwaltungstechnischer Aufwand betrieben werden, um eine adäquate, den Bedürfnissen der Migranten entsprechende Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs zu gewährleisten.

  2. Die Forderung nach Sachleistungen wird ferner damit legitimiert, dass Menschen aufgrund besserer Bedingungen nach Deutschland kommen. Indem man ihnen das Taschengeld vorenthält, sollen sie angeblich daran gehindert werden nach Deutschland zu kommen.

    Es gibt keinen echten Beleg dafür, dass Personen ihre Heimat nur für Sozialleistungen verlassen. Vielmehr erhoffen sie sich eine Verbesserung ihrer ökonomischen Verhältnisse durch eine bessere Arbeit. Selbstverständlich verlassen Menschen daher aufgrund fehlender ökonomischer Perspektiven ihre Heimat. Was uns zum nächsten Punkt führt.

  3. Geht man davon aus, dass Menschen ihren Wohnort wechseln, weil an ihrem bisherigen die ökonomischen Perspektiven eher schlecht sind, wird dies meist zur Kenntnis genommen, ja von Seiten der Wirtschaft sogar begrüßt. Menschen sollen doch flexibel sein und einen Umzug für bessere Jobs in kauf nehmen. Zuletzt hieß es sogar Deutsche könnten sich an den US-Amerikanern ein Vorbild nehmen, weil es für diese völlig normal sei, für eine bessere Arbeit den Wohnort zu wechseln. Verlassen nun aber Menschen anderer Nationalitäten aus genau diesem Grund ihre Heimat, soll dies auf einmal ein Problem sein. Die Gründe liegen in einer ethnozentrischen Sichtweise:

    Da es sich bei den hierbei angesprochenen Menschen um Personen eines anderen Landes genauer einer anderen, fremden Ethnie handelt, wird die Angst vor einer angeblichen Überfremdung durch Menschen aus anderen Kulturen populistisch ausgenutzt, um in der Bevölkerung Ablehnung gegenüber weiteren Wirtschaftsflüchtlingen zu erzeugen.

  4. Bestimmte Politiker betreiben dabei ein gefährliches Spiel. Ihre Aussagen sind keineswegs unmittelbar fremdenfeindlich zu verstehen. Sie verweisen schließlich nur auf ein finanzielles Dilemma: Mehr Flüchtlinge bedeuten zuerst höhere Ausgaben für Bund und Länder und Belastungen für Kommunen und Gemeinden in denen improvisierte Flüchtlingslager errichtet werden. Allerdings widersprechen die Aussagen einer echten Willkommenskultur. Menschen kommen mehrheitlich nicht als Sozialschmarotzer nach Deutschland. Der ohnehin fehlgeleitete Begriff Taschengeld suggeriert aber, dass sich hier Menschen auf Kosten des Staates, letztlich des hart arbeitenden deutschen Steuerzahlers ein schönes Leben machen können. Hat man aber schon mal daran gedacht, dass viele dieser Menschen gerne in ihrer Heimat bleiben würden, da sie dort aufgewachsen sind, ihre Familie und Freunde dort beheimatet sind und sie ihr Land und seine Kultur schätzen?

Menschen mit fremdenfeindlichen Einstellungen werden auf diese Weise ohne Grund Argumente geliefert. Indirekt werden sich die Menschen, die gegen Flüchtlinge demonstrieren oder Petitionen gegen Flüchtlingseinrichtungen einreichen, weil ihre Grundstücke angeblich an Wert verlieren werden, in ihren kruden Ansichten bestätigt fühlen.

Gedanken zum Kita-Streik

Glaubt man weiten Teilen der Medienberichtserstattung wurde die Bundesrepublik in diesem Jahr von einer wahren Streikwelle erfasst und beinahe unter ihr begraben. Neben den Lokführern streikten die Postmitarbeiter und auch noch die ErzieherInnen der Kindestagesstätten. Zudem streiken auch immer wieder Piloten und Flugbegleiter und seit 2013 Amazon Mitarbeiter. Dass Streiks in Deutschland im europäischen Vergleich äußerst selten sind und sich auch die ausgefallenen Arbeitstage in Grenzen halten, wird aber häufig nur unter ferner liefen aufgeführt.

Nun geht ein scheinbar beigelegter Konflikt in die nächste Runde:

Die Verdi-MitarbeiterInnen haben den Schlichterspruch abgelehnt und dies mit einer Mehrheit von 70%. Dies ist auch nicht verwunderlich, da die Kernforderungen, mit denen zu den Streiks aufgerufen worden ist, klar verfehlt wurden. Rund zehn Prozent mehr Lohn sollten durch eine höhere Eingruppierung der Erzieherinnen erreicht werden. Begründet wird dies mit der unfairen Entlohnung für die verantwortungsvolle und auch anspruchsvolle Tätigkeit. Die Arbeitgeberverbände lehnten die Forderungen unisono mit dem Verweis auf die klammen Kommunen ab. Der Schlichterspruch erzielte 2-4,5 %, wobei eher die älteren als die jüngeren profitiert hätten, sich daher für viele Mitarbeiter kaum etwas verändert hätte.

Nun wird gerne behauptet, dass Verdi-Chef Frank Bsirske nur deswegen neue Streiks für Oktober ankündigt, weil auch seine Wiederwahl ansteht, er also Erfolge erzielen müsse (Süddeutsche Zeitung vom 11.08.15, Detlef Esslinger). Zum anderen seien die Streiks kurz nach dem Ende der Sommerferien ein Schlag ins Gesicht vieler junger, berufstätiger Eltern, die kaum vom letzten Streik erholt vor neue Herausforderungen gestellt werden. Eine organisatorische Katastrophe bahne sich an

Derartige Töne hört man derzeit vielfach in den deutschen Medien, die sich offensichtlich stark dafür machen, dass für neue Streiks bloß kein Verständnis aufkommt.

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Mitgliederentscheides wird gar nicht erst versucht. Auch findet weder eine Diskussion über die Dimension der Arbeit in den Kitas statt, noch werden Vorschläge zur Finanzierung einer besseren Entlohnung der ErzieherInnen entwickelt. Vielmehr soll ein Keil zwischen Eltern und Kita-MitarbeiterInnen getrieben werden, da eine Entsolidarisierung dieser beiden aufeinander angewiesenen Gruppen, die ErzieherInnen isolieren und ihren Streik in den Augen der Gesellschaft zunehmend delegitimieren würde, während die Eltern zu Opfern stilisiert werden.

Auf diese Punkte möchte ich im Folgenden näher eingehen, um mein Verständnis für die Hartnäckigkeit von Verdi auszudrücken und um darüber hinaus, auch ein paar Gedanken zur gesamtgesellschaftlichen Funktion von Streiks zu äußern.

Erstens sind neue Streiks absolut legitim, ja geradezu notwendig, da sie basisdemokratisch legitimiert sind. Die Verdi-Mitglieder haben sich unmissverständlich für einen neuen Arbeitskampf ausgesprochen. Es kann kaum Bsirske angelastet werden, dass er nicht selbstherrlich den Schlichterspruch angenommen hat, sondern auch die Basis zu Wort kommen ließ. Unglaubwürdig macht ihn das ebenfalls nicht, nur weil er zuvor für die Annahme des Schlichterspruchs geworben hat. Vielmehr zeigt sich hier ein hohes Maß an Pragmatismus: Wenn die Mitglieder für weitere Verhandlungen und Streiks sind, sich nicht mit dem mickrigen Angebot zufrieden geben wollen, dann ist es seine Pflicht, diesem Aufruf zu folgen.

Zweitens ist es unredlich, Bsirske machtpolitisches Kalkül nachzusagen oder selbiges zu verurteilen. Selbstverständlich wird auch der Verdi-Chef an Erfolgen gemessen. Zu seinen Aufgaben gehört es, seine MitarbeiterInnen zu schützen, ihre Interessen gegenüber den Arbeitgebern zu vertreten und eben Streiks zu organisieren, da diese seit jeher die Mittel sind, mit denen Arbeitnehmer Druck auf Arbeitgeber ausüben können.

Drittens hält sich in der Gesellschaft häufig noch der Mythos, dass es sich bei Erzieherinnen um Basteltanten handelt, die am Vormittag und frühen Nachmittag Zeit mit dem Nachwuchs berufstätiger Eltern verbringen. Fehlen tut bei diesem ungeheuerlichem Blödsinn noch der Einwurf, dass es sich dabei ja um eine rein spaßige Tätigkeit handeln würde, schließlich können man den ganzen Tag mit Kindern rumtollen.

Die Vorstellung, die Arbeit von Menschen, die mit Kindern arbeiten, ende, wenn die Kinder von den Eltern aus der Kita abgeholt werden oder später, wenn die Kinder zur Schule gehen und nach Unterrichtsschluss selbständig den Heimweg antreten, hält sich nach wie vor hartnäckig in vielen Teilen der Bevölkerung. ErzieherInnen und LehrerInnen werden gerne belächelt. Gerade für ErzieherInnen ist dies fatal, hat sich das Aufgabenfeld in den letzten Jahren doch stark gewandelt und auch erweitert. Kinder werden in den Kitas nicht einfach nur betreut. Frühkindliche Bildung, Förderung von Fähigkeiten und Fertigkeiten und spielerischen Lernen sind wesentliche Aufgaben und Anforderungen, die an ErzieherInnen gestellt werden. Es werden Evaluationen durchgeführt, die Lernstandserhebungen in Grundschulen teilweise in nichts nachstehen. Fortbildungen sind dementsprechend obligatorisch, schließlich gibt es regelmäßig neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft, die in der Praxis relevant sind und auch den Kindern zugute kommen sollten.

Eltern ist es zudem massiv daran gelegen, dass ihr Nachwuchs nicht nur ganz viel Spaß hat und gut versorgt ist, während man selbst im Büro sitzt, sondern auch in seinen motorischen oder sensorischen Fähigkeiten gefördert wird.

Da wir in einer Leistungsgesellschaft leben, die zunehmend alles und jeden vermisst, beginnt die Vermessung der kindlichen Entwicklung bereits kurz nach der Geburt. Ob dies nun sinnvoll ist oder nicht, soll hier nicht erörtert werden. Zu folgern ist allerdings, dass der Arbeitsalltag einer/s typischen ErzieherIn sich kaum von dem einer/s GrundschullehrerIn unterscheidet. Vorbereitung und Nachbereitung des Arbeitstages stehen genauso auf dem Programm wie gemeinsame Konferenzen aller MitarbeiterInnen als auch Fortbildungen. Da zunehmend auch immer mehr ErzieherInnen einen Hochschulabschluss oder eine vergleichbare mehrstufige Fachausbildung durchlaufen haben, ist es ohnehin unredlich eine dermaßen hohe Lohnspreizung zwischen ErzieherIn und GrundschullehrerIn aufrechtzuerhalten. Dies wird umso absurder, weil ein/e verbeamtete/r GrundschullehrerIn regelmäßige, deutliche höhere Gehaltssteigerungen in ihrer Laufbahn verbuchen wird, als ein/e typische/r ErzieherIn in der derzeitigen Konstellation.

Viertens führen die VertreterInnen der kommunalen Arbeitgeber an, man könne die Löhne im Dienstleistungssektor nicht mit denen in der freien Wirtschaft vergleichen. Da beispielsweise in der Automobilindustrie regelmäßige Produktivitätssteigerungen erzielt werden, sei es völlig logisch, dass die Löhne dort höher liegen und auch schneller steigen.

Fakt ist, es wird schwierig von einer/m ErzieherIn zu verlangen, eine höhere Produktivität zu erarbeiten und noch schwieriger, dies zu messen. Fakt ist aber auch, dass immer mehr Aufgaben und Verantwortung, die ein Mehr an quantitativer und qualitativer Arbeit bedeuten bisher nicht höher entlohnt werden.

Es ist richtig, wenn geschrieben wird, in den produktiven Sektoren der Wirtschaft wird letztlich auch das Gehalt der Arbeitstätigen in den Bereichen Bildung und Erziehung erwirtschaftet. Immerhin zahlen Bund Länder und Kommunen diese Löhne und Gehälter über Steuereinnahmen. Hierzu ist die irreführende Argumentation des Philosophen Matthias Gronemeyer. lohnenswert.

Kehrt man diese Argumentation aber um, kommt man zu dem Schluss, dass in den Kitas das Fundament für zukünftige Arbeiter, Angestellte, hochqualifizierte IT-Experten, Maschinenbauer oder Unternehmer gelegt wird. Sprich in den Kitas wird an der Welt von morgen gearbeitet. Marc Beise schrieb dazu in der Süddeutschen Zeitung vom 06.06.2015 einen interessanten Essay. Er ging der Frage nach „Was ist uns die Bildung unserer Kinder Wert?“ 

(Außerdem: Betrachtet man die schiefe Argumentation der Arbeitgeberverbände noch in einem größerem Kontext, könnte man sich darüber streiten, warum Shareholder überhaupt hohe Dividenden erhalten dürfen, wenn die Gewinne des Konzerns doch von der Belegschaft erwirtschaftet werden.)

Ausgehend von diesem Punkt muss fünftens über die Finanzierung möglicher Lohnsteigerungen von bis zu zehn Prozent gesprochen werden. Es ist richtig, wenn die Kommunen sagen, sie können derartige Steigerungen nicht ohne weiteres bezahlen. Dies klingt zwar umso verwunderlicher, da ausgehend vom Finanzministerium über die Medien propagiert wird Deutschland habe seit 1969 zum ersten Mal wieder einen ausgeglichen Haushalt, bei gleichzeitigen Rekordsteuereinnahmen. Selbstverständlich gibt es bei dem Steuereinnahmen Unterschiede zwischen Bund und Ländern und reicheren und ärmeren Regionen. Aus diesem Grund sind viele Kommunen ohne finanzielle Unterstützung durch den Bund nicht in der Lage, Gehaltssteigerungen von bis zu zehn Prozent zu finanzieren.

Warum häufig genau bei diesem Punkt keine Ideen für eine mögliche Finanzierung erörtert werden, ist mir aber schleierhaft und zeigt die Kurzsichtigkeit, mit der der Kita-Streik betrachtet wird. Rekordsteuereinnahmen gibt es übrigens jedes Jahr zu vermelden, da, sofern die Wirtschaft, also das BIP wächst, auch die Steuereinnahmen steigen.

Für 2015 wird ein Überschuss im Bundeshaushalt erwartet, der statt in die Schuldentilgung viel besser für Investitionen genutzt werden sollte. Eine Tilgung der Schulden ist in Zeiten der Niedrigzinsen – es fallen praktisch keine Zinsen auf die Schuldenlast der Bundesrepublik an, aufgrund der Eurokrise haben sich die Staatsschulden sogar verringert – ökonomisch völlig abwegig.

Zudem wäre sechstens eine Erweiterung der Debatte auf die ungerechte Verteilung der Steuerlast notwendig:

Die Steuerlast hat sich für die Bürger der Mittel- und Unterschicht in den letzten Zwanzig Jahren eher erhöht, während Angehörige der Oberschicht steuerlich entlastet wurden. Schuld daran sind sowohl direkte als auch indirekte Steuern. So ist der Einkommensspitzensteuersatz von den letzten Bundesregierungen beständig gesenkt worden (1996: 53%, 2012: 45%), was vor allem Spitzenverdienern zugute kommt. Gleichzeitig wurde die Kapitalertragssteuer drastisch herabgesetzt – von 45% auf 25%, dafür aber beispielsweise die Mehrwertsteuer von 16% auf 19% erhöht. Während ersteres erneut vor allem wohlhabende Anleger entlastet und die Vermögenskonzentration bei den oberen zehn Prozent fördert, belastet die Mehrwertsteuererhöhung gerade Geringverdiener aber auch Personen der unteren Mittelschicht.

Schon vergessen ist, dass es bis Mitte der Neunziger eine Vermögenssteuer gab, die dazu diente, volkswirtschaftlich schädliche Vermögenskonzentrationen zu vermeiden.

Diese Entwicklung ist fatal für die öffentliche Hand. In der Bundesrepublik gibt es einen regelrechten Investitionsstau, der sich auf die komplette Infrastruktur des Landes erstreckt: Schulen, Universitäten, Straßen, Schienen sind in teilweise maroden Zustand. Nicht zu vergessen der für ein Industriestaat wie Deutschland unzureichende Breitbandinternetausbau. Der Steuerausfall, zurückzuführen auf die Rot-Grünen Steuergeschenke durch die Reduktion der Einkommenssteuerspitzensätze, summiert sich laut einer IMK Studie jährlich auf 50 Milliarden Euro.

Die unfaire Bezahlung der ErzieherInnen ist da nur die Spitze des Eisberges einer verfehlten Wirtschafts- und Steuerpolitik der letzten 20 Jahre. Würden die Kita-MitarbeiterInnen entsprechend ihrer Tätigkeit und der Wirtschaftskraft des Landes entlohnt werden, würde dies im Übrigen wohl auch höhere Steuereinnahmen und Unternehmensgewinne bedeuten, da sie mehr konsumieren würden, statt ihr Geld nur zu sparen.

Ausgehend vom Streik der Kita-MitarbeiterInnen wäre es möglich, dass einschlägige Medien ihrem Auftrag nachkommen und auf Fehlentwicklungen aufmerksam machen, Vorschläge unterbreiten, wie die Zukunft besser gestaltet werden könnte. Sie müssten diese Aspekte nicht einmal selber entwickeln, sondern nur reproduzieren. Einschlägige Fachliteratur gibt es zuhauf. Oder hier. Und hier.

Stattdessen manövrieren sich etablierte Medien selbst ins gedankliche Abseits, wenn sie lieber davon sprechen, Bsirske habe mit der Zehn-Prozent-Forderung zu hohe Erwartungen geschürt. Noch schlimmer wird es, wenn vom Leid der Eltern geschrieben wird, die lange genug Verständnis für den Streik gehabt, hätten jetzt aber mal genug sei mit dem Unsinn. Obwohl ErzieherInnen und Eltern im selben Boot sitzen, wird lieber versucht ein Gegeneinander statt ein echtes Miteinander zu erzeugen. Beide Seiten haben viel gemeinsam, da sie beide einer zunehmenden Arbeitsverdichtung Herr werden müssen, die immer höhere Anforderungen stellt. Man könnte meinen, es solle eine echte Solidarisierung zwischen Eltern und ErzieherInnen verhindert werden, da ansonsten eine kritische Masse erreicht wäre, die dann tatsächlich etwas an den bestehenden Verhältnissen ändern könnte.

Es sind ja nicht nur ErzieherInnen, die eine höhere Entlohnung verdient hätten. Zu nennen sind Krankenschwestern, Krankenpfleger, nicht zuletzt die Post-MitarbeiterInnen oder jene, die bei den bei uns beliebten Online-Versandhändlern im Lager schuften.

Abschließend sollte noch gefragt werden, wie sich die Arbeitnehmerpartei – angeblich die SPD – zu diesen oder jenen Streiks positioniert. Bisher ist nicht viel zu hören…

Flüchtlinge

Ich bin gerade daran vorbei gefahren. Das sogenannte Containerdorf steht direkt an der Bahnstrecke, die Anderten von Misburg trennt. Es ist eine Notlösung. Schließlich nimmt Hannover dieses Jahr 2200 Flüchtlinge auf. Die Bildzeitung sagt, sie muss. Über die Bahnstrecke neben dem Containerdorf führt eine Brücke. An einem der Pfosten steht mit schwarzer Farbe „Nationaler Sozialismus, Jetzt!“.

Ich bin heute unausgeglichen und genervt. Das ist nicht gut, denn das Graffiti will mir nicht aus dem Kopf gehen. Was sind das für Menschen, die solch menschenverachtenden Ideologien nachsehnen? Warum sind sie so vergiftet? Ich schüttle den Gedanken ab. Meine Empathie geht dafür nicht weit genug.

Seit Anfang 2014 arbeite ich ehrenamtlich im Unterstützerkreis Flüchtlingsheime mit. Seitdem haben Flüchtlinge für mich Namen und Gesichter bekommen, und es ist für mich noch schwerer geworden, Verständnis aufzubringen für Menschen, die die Aufnahme von notleidenden Menschen in unserer „Festung Europa“ kritisieren. Leider scheint diese Kritik nicht mehr nur von NPD-Anhängern zu kommen. Insbesondere die Pegida-Bewegung will uns weismachen, dass sie die Mitte der Gesellschaft repräsentieren. Ob nun Mitte oder nicht, erschreckend ist die Anzahl derer, die besorgt und wütend sind. Sie sind zu finden in den sozialen Netzwerken und auf Pegida Demos. In Dresden „spazierten“ zwischenzeitlich 25.000 Menschen auf Seiten der sogenannten Islamkritiker. Im Januar 2015 fand auch in Hannover eine Pegida-Demo statt. 200 dafür und 19.000 dagegen. Für mich ein überwältigendes Erlebnis. Es spiegelt das wieder, was ich seit Monaten im Unterstützerkreis erlebe: Es gibt viele Menschen in Hannover, die sich Gedanken machen, die Nein sagen zur Ausgrenzung. Sie fühlen sich durch die harsche Kritik der Einwanderungsgegner eher angetrieben als abgeschreckt und strömen zu den Runden der Nachbarschaftskreise und Vereinstreffen, so dass diese aus allen Nähten platzen.

Aber so wie in Hannover scheint es vielerorts in Ostdeutschland nicht zuzugehen. Wo Bürgermeister aus Angst vor Nazis zurücktreten, die Polizei von Rechten unterwandert ist und regelmäßig Flüchtlingsheime brennen. Das Paradoxe dabei: in den neuen Bundesländern leben viel weniger Flüchtlinge und Ausländer als in den alten. In Sachsen liegt der Ausländeranteil geschätzt sogar nur bei um 0,1 Prozent.

Entsprechend scheinen die Angst vor Islamisierung und Überfremdung eher Fantasiegebilde zu sein, die leider nicht einmal durch Fakten ins Wanken zu bringen sind. So haben die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass einen Überschuss von 22 Milliarden Euro erwirtschaftet und das Sozialsystem im Durchschnitt gestützt und nicht belastet. Trotzdem hält sich das Klischee des sozial-schmarotzenden Ausländers hartnäckig.

Was die Menschen der Pegida-Bewegung wirklich brauchen, sind nicht weniger Ausländer, sondern mehr alltägliche Realität. Unter meinen Kollegen und Freunden sind viele Ausländer und sie erfüllen keines der verbreiteten Ressentiments der neuen rechten Bewegung. Natürlich gibt es auch die Unangepassten und Kriminellen, aber sie sind die Ausnahme und nicht die Regel. Ebenso würde ich zu gerne mal einen der Dresdener „Spaziergänger“ an die Hand nehmen und ihm mein Flüchtlingsheim zeigen. Wer einmal die afrikanischen Kinder vor dem Heim im ersten Schnee ihres Lebens beobachtet, und die Dankbarkeit und Wärme vieler Flüchtlinge erlebt hat, der wird kaum ruhigen Gewissens ihre Abschiebung fordern können.

Black and White

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, bei der Fülle der Berichterstattung über Griechenland nicht auch noch über das Thema zu schreiben – schließlich vergeht keine Stunde, ohne dass ein neuer Artikel zu dem schuldengeplagten Land veröffentlicht wird. Ich komme aber doch nicht ganz darum herum, die Berichterstattung als Beispiel für ein – wie ich finde – typisches Problem im Denken von Menschen zu nehmen.

Betrachtet man die verschiedenen Artikel, entdeckt man immer, dass zumindest die betrachteten Menschen, häufig aber auch die Artikel sich in eindeutigen Aussagen versuchen, was denn jetzt von dieser Krise zu halten ist und, überhaupt, wer Schuld an ihr ist.

Dabei lässt sich gerade die Griechenlandkrise doch nicht so einfach betrachten: Es gibt jene, die sagen, man hätte den Banken die Schulden Griechenlands (für die sie immerhin hohe Risiko-Zinsen erhalten haben), nicht so einfach abkaufen dürfen. Aber haben sich die Staaten Europas nicht auch erpressbar gemacht, da sie auf die Kredite der Banken (und niedrige Zinsen) für ihre Refinanzierung angewiesen sind? Gab es da eine Wahl?

Und wie sieht es mit dem Thema Schuldenschnitt und Reformen aus? Tut Griechenland „genug“, und wenn nein, warum nicht? Hätte ein Schuldenschnitt längst statt finden müssen? Antworten auf diese Fragen gibt es in Unmengen, und eine längere Diskussion des Themas Griechenland würde die Länge dieses Blog-Eintrags auch sprengen.

Fakt ist aber doch, dass wir nach genau diesen Antworten suchen. Wir wollen für uns selbst eindeutig festlegen können, was die Ursache für die Situation ist, wer verantwortlich ist, und wer hier „gut“ oder „schlecht“ ist. Und wenn wir einen Schritt zurück treten, werden wir feststellen, dass diese Suche nach den absoluten Urteilen sich durch alle Bereiche menschlichen Lebens durchzieht.

Lernen wir neue Menschen kennen, bilden wir uns häufig schnell ein Urteil über sie, dass letztendlich immer nur aus einem „gut“ oder „schlecht“ besteht; nur verpacken wir dieses in viele Adjektive: Langweilig, aufgedreht, verkopft, dumm usw. auf der einen Seite; witzig, gechillt, intelligent, interessant usw. auf der anderen, und mit vielen, vielen weiteren Adjektiven untermauern wir unsere Meinung einer Person. Bei oberflächlichen Bekanntschaften ist hier häufig schon Schluss, und alles was die Person tut oder sein lässt, wird entweder ignoriert, wenn es der „falschen“ Seite von Adjektiven entspricht, oder bestätigt und nur bei unserer Meinung. Glücklicherweise schaffen wir es aber gerade bei längeren Freundschaften Personen differenzierter zu sehen und als dass, was sie sind: Menschen mit Stärken und Schwächen, nicht gut oder schlecht, schwarz oder weiß, sondern irgendwas dazwischen.

Viel schlimmer ist dieses Schubladendenken eigentlich bei den komplexen Themen unseres Alltages, wie den Diskussionen über gesellschaftliche Belange, zum Beispiel der Griechenland-Krise oder auch anderen aktuellen Themen wie Flüchtlingshilfen oder die NSA-Spionage (auch so ein Dauerthema). Für die Fülle an Themen, über die man sich eigentlich umfassend informieren, mit jemandem diskutieren und viel Zeit überhaupt für das Verstehen aufbringen müsste, bleibt kaum Zeit. So sind wir bereit, Werturteile von Medien (Stichwort: Bild-„Zeitung“) oder Politikern zu akzeptieren um auch eine Einordnung in gut oder schlecht vornehmen zu können, und ja nicht ohne eigene Meinung da zu stehen. Dabei ist es meiner Meinung nach gerade auch ein Zeichen von Authentizität und ein Schritt in die richtige Richtung, häufiger auch mal zu sagen „da habe ich keine eindeutige Meinung zu“ oder „da konnte ich mich noch nicht ausreichend mit beschäftigen“, statt allzu schnell nach dem Überfliegen von drei Nachrichten-Headlines die Meinung eines anderen zu übernehmen und die schwarze oder weiße Schublade glücklich, aber unwissend über den wahren Inhalt zu schließen.

Die Kirche und die Diskriminierung

Am Wochenende bin ich in Köln auf ein interessantes Plakat gestoßen, das an einer der Baustellen des Kölner Doms seinen Platz gefunden hat:

Plakat am Kölner Dom„Die Kirche verwirft jede Diskriminierung eines Menschen und jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasser oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht.“

Wenngleich ich die Ablehnung von Diskriminierung und Gewalt gegen Menschen nur gut heißen kann, frage ich mich doch,

  1. warum unbedingt diese Einschränkung auf Rasse, Farbe, Stand und Religion sein muss
  2. ob es dann erlaubt seien soll, einen Menschen z.B. wegen der sexuellen Identität / Orientierung, der genetischen Veranlagungen allgemein, des Aussehens etc. zu diskiminieren
  3. ob dieses Plakat an einem Tag wie dem CSD, an dem viele Menschen mit „unchristlichen“ Orientierungen in einer Stadt zusammen kommen, so klug gewählt ist und schließlich
  4. in wie weit das (äußerst prominente) Aufhängen einer Aussage des vatikanischen Konzils aus dem Jahre 1965 darauf hindeutet, wie viel (oder wie wenig) sich die von der Kirche gepredigten Wertvorstellungen seitdem weiter entwickelt haben.

Die kluge Maus

Tim war eine kluge Maus. Sie lebte schon lange mit Ihrem Menschen zusammen, manche würden sagen, ihr ganzes erwachsenes Leben. Den größten Teil des Tages lebten die beiden sehr unabhängig voneinander: Der Mensch war immer mit dem Erstellen irgendwelcher Tabellen beschäftigt, ließ Tim aber den Großteil des Tages in Ruhe. So konnte er sich Tag ein, Tag aus, Gedanken über die Welt machen. Tim war kein Freund von Routinen – ihm gefiel es viel mehr, frei zu sein, und unabhängig sein Gehege erkunden zu können. Die einzige Routine, der er sich unterordnete, wenn gleich mit nicht viel Freude, war das tägliche Ritual des gemeinsamen Essens mit seinem Menschen. Jeden Tag, wenn der Mensch aufstand, schaltete er das Licht an und wartete, bis Tim sich an eine bestimmte Stelle in seinem Haus gestellt hatte. Die Maus mochte diesen Ort nicht: Auf dem Boden waren kleine Stacheln, die ihm an seinen empfindlichen Pfoten Schmerzen verursachten, war es sehr zugig, so dass er schnell fror. Nichts desto trotz nahm er diese Unannehmlichkeiten auf sich, denn er wusste, wie viel es dem Menschen bedeutete, da er ihm immer genau an dieser Stelle sein tägliches Frühstück gab – ein köstliches Stück Käse. Dann aßen sie gemeinsam – der Mensch sein Sandwich, Tim seinen Käse – und gingen schließlich wieder ihren jeweiligen Tätigkeiten nach.
So lief es nun schon seit langer Zeit, bis eines Tages schließlich etwas anders war. Tim hatte sich, nachdem das Licht angeschaltet worden war, schon wieder an den üblichen Ort gestellt, doch der Mensch kam nicht. Er rief nach dem Menschen, doch in dem ganzen Haus war weder etwas zu hören noch zu sehen. Die Maus blieb noch eine Weile auf den Stacheln stehen, bis sie sich schließlich wieder auf die Wanderung in der Wohnung machte – immer mit einem unangenehmen Gefühl im Magen, seinen Menschen im Stich gelassen zu haben. Eine lange Zeit später, eine gefühlte Ewigkeit, kam schließlich Leben in die Wohnung. Tim war so sehr in Gedanken, dass er den Menschen erst bemerkte, als dieser ihm sein Stück Käse reichte – ohne dass Tim dafür erst an die unangenehme Stelle gehen musste. Verunsichert blickte Tim den Menschen an. „Willst du denn gar nicht essen?“ fragte dieser ihn. „Aber ich stehe doch gar nicht auf der stacheligen Stelle!“ antwortete Tim. „Wie kommst du denn darauf, dass du für Essen da hin gehen müsstest? Ich freue mich doch einfach so, mit dir gemeinsam zu essen.“ sagte der Mensch darauf. Tim blickte verdutzt drein und fragte sich, was ihn wohl dazu bewogen haben mochte, jeden Tag an dem unangenehmen Ort auf seinen Menschen zu warten.

Ja, was hat die kluge Maus dazu bewogen, Tag für Tag Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen? Es waren wohl die Erwartungen, die sie dachte, erfüllen zu müssen. Das könnte uns natürlich nicht passieren, oder? Wir sind ja schließlich viel klüger, als die Maus. Oder?

Wenn wir darüber nachdenken, gibt es eigentlich gar keinen so großen Unterschied zwischen der Maus und uns, außer vielleicht der Menge der Erwartungen, die wir glauben, erfüllen zu müssen. Das fängt bereits im jungen Alter an: Jedes Kind soll „gut“ mit anderen Kindern umgehen, sonst gilt es als unsozial, oder wird gar verdächtigt, psychisch erkrankt zu sein, unter ADS beispielsweise. Gleichzeitig soll es aber auch gut in der Schule sein, denn sonst lassen sich ja gar nicht die erwarteten Erwartungen (!) erfüllen, die an das Kind später mal im Erwachsenenalter gestellt werden. Ein guter Schulabschluss ist da Pflicht, danach Studium, und schließlich ein Job, der respektiert, mindestens jedoch gut bezahlt wird.
Läuft dann mal etwas nicht entsprechend des festgelegten Plans – eine schlechte Note, oder gar ein Jahr Wiederholung in der Schule – wird dem Kind sofort deutlich gemacht, wie sehr es die Erwartungen enttäuscht hat.

Das führt in der Konsequenz dazu, dass wir selbst anfangen, nur noch in Erwartungen zu denken und zu handeln. Wir quälen uns durch Jobs, die uns keinen Spaß machen, studieren BWL, auch wenn wir das Thema langweilig finden, weil wir die Erwartungen, die wir an das Leben haben dann mit Geld zu erfüllen glauben. Wir passen unser Verhalten so weit an, dass es die Erwartungen anderer an uns und unsere Gruppe erfüllt. Sowohl als Frau als auch als Mann dürfen wir keinesfalls dem durch unsere Gesellschaft implizit festgelegten Rollenverhalten entfliehen. Frauen dürfen beispielsweise nicht auf Sex aus sein, sonst gelten sie als „Schlampe“ oder ähnliches, sie müssen schwer zu erobern sein und jegliche Initiave hat sowieso immer vom Mann auszugehen. Männer hingegen dürfen keinesfalls Gefühle zeigen, erst recht nicht in der Öffentlichkeit. Das Bild des „starken Mannes“ muss zu jeder Zeit aufrecht erhalten werden. Viel weiter will ich hier auch gar nicht auf die Erwartungen eingehen, die an das Rollenverhalten der Geschlechter gestellt werden – alleine hierzu ließe sich ein ganzes Buch verfassen.

Erwartungen bestimmen aber nicht nur unsere Außendarstellung und wie wir uns geben, sondern haben auch einen ganz maßgeblichen Einfluss auf unsere persönlichen Beziehungen. Wie kann, nein, wie muss ich mich in einer Beziehung zu meinem Partner verhalten, und noch viel wichtiger, was muss ich fühlen? Über Film und Fernsehen werden so viele Formen von prototypischen Beziehungen an uns heran getragen, dass wir auch hier anfangen, unsere eigene Beziehung mit diesen Erwartungen zu füllen – und wenn der Partner dann nicht bis ans Ende der Welt für uns geht, sein unsterbliches Leben als Vampir aufgibt um den Rest der Zeit mit uns zu verbringen sondern doch wieder nur Pfannkuchen zum Frühstück macht, denken wir sofort, dass da doch noch mehr sein muss.

Jede Party auf die wir gehen, jeder Moment den wir erleben vergleichen wir mit jenen – oft idealisierten – Momenten der Vergangenheit, und mit einem kleinen Stich entscheiden wir, dass früher doch alles besser war: Freundschaften waren einfacher und enger, als man sie noch nicht mit einem Berufsleben in Einklang bringen musste, das Lernen neuer Dinge fiel einem viel leichter, und überhaupt hatte man mehr Zeit das zu tun, was man wirklich will.

Und wie so oft lehnen wir uns dann in einer stumpfen Melancholie, ja fast Lethargie zurück und warten darauf, dass es doch irgendwann besser wird und unsere Erwartungen doch irgendwann erfüllt werden müssen. Dabei wäre es doch so viel einfacher, unsere Erwartungen aufzugeben, eine dumme Maus zu sein und sich einfach mal mit dem Käse in seine Lieblingsecke zu setzen.

Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft

Die nagelneue, schlank-durchgestylte Kompaktkamera knallt mit voller Wucht auf den Fußboden. Knack! Auf den ersten Blick funktioniert noch alles. Aber was ist das? Das Glasplättchen, das die Linse vor Beschädigungen schützen soll, hat einen Riss. Die Kamera tut nach wie vor ihren Dienst, doch nun zieht sich eine breite milchige Spur durch jedes Foto. Die Nachfrage bei mehreren Fotofachgeschäften ergibt: die Kosten für das Austauschen des kleinen Glasplättchens, das so tapfer Schlimmeres verhindert hat, übersteigen bei Weitem den Anschaffungspreis der Kamera.

Das Konsum-Dilemma

Es ist paradox: Für die Herstellung, Verpackung und Transport dieses kleinen High-Tech-Wunders wurden wertvolle Ressourcen verbraucht, wie Erdöl, Wasser und insbesondere Metalle. Wie in allen Produkten mit Mikroprozessoren wurden hier seltene Erden verwendet, deren Abbau zumeist den Einsatz von Säuren erfordert. Insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent werden durch die Folgen dieses Abbaus Flüsse und ganze Landstriche verseucht. Der sogenannte ökologische Fußabdruck der meisten Elektrogeräte ist verheerend. Ein HP-Drucker etwa verursacht während seiner Produktion so viel CO2 wie 4 Bäume in 70 Jahren absorbieren können. Da wäre es doch naheliegend dafür zu sorgen, das Produkte haltbar und vor allem reparierbar produziert werden. Das Gegenteil ist der Fall. Immer mehr Produkte werden absichtlich so hergestellt, dass sie nach einer Weile kaputt gehen oder sich gar selbst zerstören. Alles im Sinne einer Überflussgesellschaft, die der Wirtschaft durch exzessiven Konsum ewiges Wachstum bescheren soll – auf Kosten der Umwelt.

Bewusstsein

Leider scheint es sich in Deutschland etabliert zu haben, immer alles neu zu kaufen. Kein Wunder: die meisten Waren können bequem von der Couch aus bestellt werden und stehen nach einem Wimpernschlag im Wohnzimmer. Da der erste Reflex fast immer der Neukauf ist, wird auf den Gebrauchtmarkt eher selten zugegriffen, auch wenn dort gute Waren zum Bruchteil des Originalpreises angeboten werden. Weil für die meisten Menschen in Deutschland keine wirtschaftliche Notwendigkeit besteht, entwickelt sich nur langsam ein Bewusstsein für die momentane Verschwendung von Rohstoffen. Aber ein Trend zum verantwortlichen Konsum ist da, das zeigen Organisationen wie z.B. Freecycle, die dafür sorgen, dass gute Sachen nicht auf dem Müll landen.

Gewissensbisse und eine Idee

Als technikbegeisterter Gadget-Sammler kaufe ich Geräte aus so ziemlich jeder Gattung. Vom Smartphone über die Action-Cam bis hin zur SSD-Festplatte ist nichts vor meiner Kreditkarte sicher. Immer mit dabei: das schlechte Gewissen. Um dieses wenigstens etwas zu beruhigen, beschloss ich wenigstens dafür zu sorgen, dass meine nicht mehr genutzten Geräte ein zweites Leben bekamen. Doch damit nicht genug auch die im Keller gelagerten Möbel, CDs und Filme warteten nur auf ihre Reinkarnation. Versüßt wurde das Ganze durch die Aussicht auf einen gewissen Resterlös für den alten Krempel.

Good stuff for free

Los ging es mit einem Wohnzimmertisch, einem Schreibtisch und einem Sofa. Da ein Umzug vor der Tür stand sollten die Sachen möglichst schnell an den Mann gebracht werden, daher sollte der Kaufpreis möglichst kundenfreundlich gestaltet werden. Alle drei Möbelstücke wurden in gutem Zustand für sagenhafte null Euro bei einem bekannten Kleinanzeigenanbieter eingestellt. Als nach Tagen noch kein Interessent gefunden war, riet mir meine Freundin dazu, den Kaufpreis etwas zu erhöhen. Ich wollte beim besten Willen nicht begreifen, wie das helfen sollte, probierte es jedoch aus. Erstaunlicherweise gingen in den folgenden Tagen mehrere Anrufe ein. Besonders anspruchsvolle Kunden wünschten eine kostenlose Sofortlieferung. Diesem Wunsch konnte ich nicht nachkommen, jedoch fand sich tatsächlich ein ernsthafter Interessent für das Sofa. Der potentielle, männliche Käufer vereinbarte einen Termin, erschien dann jedoch unerwartet nicht. Im Laufe des nächsten Tages meldete er sich doch noch, um erneut um einen Termin für den Abend zu bitten. Mit nur einer Stunde Verspätung klingelte anschließend ein hagerer, jedoch brutal aussehender Mann an unserer Tür. Begleitet wurde er von einer etwas untersetzen Frau, deren Gesicht ein knall-grünes Veilchen zierte. Mit kritischem Blick inspizierte er das braune Sitzmöbel. Anscheinend waren die gut ausgeleuchteten 18-Megapixel-Aufnahmen und die Beschreibung in der Anzeige noch nicht aussagekräftig genug gewesen, denn er war nur zur Besichtigung des Sofas gekommen und hatte daher auch nicht das passende Auto für den Transport dabei. Unglaublich: unterm Strich waren also drei Termine notwendig, um ein neu bezogenes Sofa für 10 EUR zu verramschen. Ich habe schon von Immobilienmaklern gehört, die bei Ihren Verkäufen effektiver sind. Der Mann mit dem brutalen Gesicht war begeistert und versprach sich zu melden, wenn er ein ausreichend großes Transportvehikel besorgt hätte. Ich hörte nie wieder von ihm. Dies war die erste von vielen interessanten, skurrilen und ärgerlichen Begegnungen, die ich dem Abenteuer Kleinanzeige zu verdanken habe. Diese endete leider mit drei tadellosen Möbelstücken auf dem Sperrmüll.

Der 24-Stunden-Service

Ein weiteres Highlight ereignete sich erst vor einigen Tagen. Ein Mann namens Ralf (Name von der Redaktion nicht geändert) meldete sich auf eine Kleinanzeige, in der ich meine kaum benutze Bluetooth-Maus inklusive Anleitung für 5 Euro anbot. Der Interessent wollte genau wissen wie alt und in welchem Zustand die Maus war. Bereitwillig beantwortete ich ihm alle Fragen, erklärte ihm sogar die Funktionsweise von Bluetooth, da er durchblicken lies den Unterschied zwischen einer herkömmlichen Funk-Maus und einer Bluetooth-Maus nicht zu kennen. Wir vereinbarten einen Termin. Pünktlich zur vereinbarten Zeit stand nun Ralf – um die 40, Halbglatze, Brille, knapp 2 Meter groß – vor meiner Tür. Gewissenhaft kontrollierte er die Maus auf optische Mängel, drückte mir einen Schein in die Hand und verabschiedete sich. Schon auf der Türschwelle schob er noch nach: „Ich hoffe die Maus funktioniert. Ansonsten kann ich ganz schön unbequem werden“. Bei diesen Worten stellten sich bei mir die Nackenhaare auf. Ein offensichtlicher PC-Anfänger mit einer neuen Hardware-Komponente, die es nun galt einzurichten, das konnte ja nicht gutgehen. Nicht einmal eine halbe Stunde später empfing ich eine Mail in der Ralf mit bereits deutlich gereiztem Unterton erklärte, die Maus ließe sich nicht installieren. Geduldig formulierte ich eine Mail mit Anweisungen wie die Maus zu installieren wäre. Anschließend war Ralf einen Schritt weiter, behauptete jedoch nun die Maus wäre nicht mit Windows 7 kompatibel. Darauf antwortete ich ihm, ich hätte die Maus ausschließlich unter dieser Betriebssystemversion betrieben und gab noch einige Hinweise, was er bei der Installation evtl. vergessen haben könnte. Inzwischen war es nach acht und ich schaltete den PC aus, um mich nun auf dem Sofa der Fussball-EM hinzugeben. Auf dem Weg ins Bett etwa 2 Stunden später warf ich einen Blick auf mein Smartphone: zwei Mails von Ralf. In der Ersten von 20:25 Uhr formulierte er weitere Fragen zur Einrichtung der Maus. In der Zweiten, mit vielen Ausrufezeichen versehenen Mail von 21:36 Uhr empörte sich Ralf über die offensichtliche Beendigung meiner technischen Unterstützung. Seinem Frust verlieh er zudem durch eine Drohung ausdruck. Ich – nun ebenfalls gereizt – antwortete, er könne die Maus gerne zu mir zurückbringen, jedoch würde ich keinerlei weiteren Rund-um-die-Uhr-Gratis-Support leisten. So stand Ralf nun am nächsten Abend wieder vor meiner Haustür. Wortlos tauschten wir Maus gegen Geld. Ich schloss die Tür mit Nachdruck und ärgerte mich insgesamt 1,5 Stunden Zeit fehlinvestiert zu haben. Meine einzige kleine Genugtuung war, dass die Maus natürlich problemlos funktionierte, und dass nun hoffentlich jemand sympathischeres seine Freude an dem Gerät haben würde.

Kleinanzeigen – eine Welt mit eigenen Regeln

Einen Wiederverwender für ältere Geräte mit geringem Wert zu finden ist nicht einfach. Man wird zwar bei Ebay fast alles los, jedoch ist dies immer mit wesentlichem Mehraufwand für Angebotserstellung und Versand verbunden. Für mich kam diese Plattform daher meist nicht in Frage. Kostenlose Kleinanzeigen hingegen bedeuten wesentlich weniger Aufwand und bieten den Vorteil, dass die potentielle Kundschaft bei einem zu Hause aufschlagen kann. Die Kontaktaufnahme gestaltet sich dabei oftmals kurios, was oft am minimalistischen Stil der Anfragen liegt. Eine Anrede oder Schlussformel scheinen grundsätzlich überflüssig zu sein. Auch kann die Anfrage durchaus aus Satzfragmenten bestehen. Manchmal besteht der Mailtext nur aus der Aufforderung „Anrufen: (…)“ oder dem Betrag des Gegenangebots. Doch die meisten dieser sparsamen Konversationen führen anschließend zu interessanten Begegnungen und zu dem ein oder anderen netten Gespräch.

Ökonomie versus Ökologie

Wer behauptet das Verkaufen seiner alten, aber noch guten Sachen wäre ein schlechtes Geschäft, der hat wahrscheinlich meistens recht. Wenn man den Aufwand für das Photographieren der Sachen, das Einstellen auf der Kleinanzeigen-Plattform, die Geschäftsanbahnung, den Verkauf und ggf. freiwillige Zusatzservices (siehe oben) addiert, so kommt man im Schnitt selten auf einen vernünftigen Stundenlohn. Aber das ist der falsche Denkansatz. Man sollte daran denken, dass man jemandem eine Freude machen und gleichzeitig eine Menge Umweltbelastung vermeiden kann. Und, mal abgesehen von der nun vor Altruismus schwellenden Brust, ist es nicht ein hervorragendes Gefühl sein Leben etwas zu entrümpeln?

Und auch wenn das Verkaufen und Verschenken mal zu anstrengenden, frustrierenden oder seltsamen Begegnungen führt, im Zweifel hat man dafür anschließend eine gute Geschichte zu erzählen.

Motiv ermittelt

Das Motiv für den Amoklauf in Lörrach konnte nach Insiderinformationen bereits jetzt ermittelt werden; auf Grund der Tragweite will die Polizei jedoch mit einer Veröffentlichung bis zur Pressekonferenz um 16:00 Uhr warten.

Die 41 jährige Rechtsanwältin erschoss am 19.09.2010 mit einer kleinkalibrigen Faustfeuerwaffe ihren Ehemann und ihren Sohn und löste anschließend durch Brandbeschleuniger in der Wohnung eine Explosion aus. Im benachbarten Elisabethen-Krankenhaus verletzte die Frau daraufhin einen Pfleger mit Stichwunden tödlich und verwundete durch Schüsse mehrere Pfleger, bis sie von der Polizei durch den Einsatz von Schusswaffen aus dem Verkehr gezogen werden konnte.

Nach ersten Ermittlungsergebnissen scheinen die Motive nun geklärt zu sein: „Wir sind sehr überrascht und schockiert von den Ergebnissen der Ermittlung“, so Polizeioberkommissar Rebal am Vormittag. Durch den Einsatz modernster Technik konnte der Zustand des völlig zerstörten Computer des ehemaligen Lebensgefährten der Täterin wiederhergestellt werden. Offensichtlich benutzte die Frau diesen, um das bekannte Killerspiel „Die Sims“ (Version noch unbekannt) zu spielen. Weitere Details konnten nicht ermittelt werden; es ist jedoch davon auszugehen, dass in dem Spiel ihr Alter Ego durch einen Einbrecher brutal vergewaltigt und getötet wurde, was für die Frau das Fass zum Überlaufen brachte.

Weiterhin konnten durch die aufwendige Rekonstruktionen einer verbrannten Zeitung aus dieser ausgeschnittene Buchstaben ermittelt werden. Auf Grund des hohen Grades an Verbrennung ließen sich jedoch lediglich die Worte „Die“ sowie „und“ rekonstruieren, wodurch auf einen terroristisch motivierten Hintergrund geschlossen werden kann. Mutmaßlich diente die Tötung des Pflegers in dem Krankenhaus weiter reichenden Zwecken als zunächst angenommen. Nur das mutige Eingreifen der Polizeibeamten konnte eine Katastrophe mit möglicherweise globalen Folgen verhindern.

Als erste Reaktion auf die Ermittlungsergebnisse kündigte CSU-Innenpolitikerin Möschlag-Gemirrhausen an, unmittelbar dafür sorgen zu wollen, dass die Sicherheit im Raum der Bundesrepublik Deutschland wiederhergestellt wird. Dem unmittelbar in Kraft getretenen Verbot für Killerspiele soll am Nachmittag die Reaktivierung des Zugangserschwernisgesetzes folgen, so dass der Zugang zu Kinderpornographie praktisch unmöglich wird und in der Folge solch schreckliche Taten, wie ganz Deutschland sie am gestrigen Sonntag erleben musste, der Vergangenheit angehören.

Uninteressant, unwichtig und unfassbar

Uninteressant: Die Beiträge der F.A.Z. bzw. deren Internetseite sind im Normalfall durchaus lesenswert, gut recherchiert und interessant geschrieben. Da verwundert es doch etwas, dass es scheinbar nötig ist, auf der Startseite Blogeinträge zu verlinken, die an Banalität selbst Meldungen gängiger Boulevardzeitungen übertreffen. So gesehen bei dem Artikel „Call-a-Bike: Anruf genügt nicht„.

Im Wesentlichen geht es in diesem Artikel darum, dass ein Otto N. zwar über die Internetseite des Fahrrad-Miet-Angebots der Bahn ein Fahrrad finden konnte, er jedoch bei einem (!) Anruf nicht die gewünschte Auskunft erhalten hat und deshalb doch erst den Weg zu einem Rechner mit Internetzugang zurücklegen musste. Wie schlimm.

Bei allem Verständnis für individuelle Abneigungen der Bahn gegenüber – wir sind da mit dem letzten Artikel ja auch nicht ganz unschuldig – muss ich fragen: Warum mussten für diesen Artikel arme leere Festplattensektoren sterben?

Dies ist im übrigen meine offene Meinung – Dennis Westphal – genau wie der vorherige Artikel die Meinung Jan Martin Groth widerspiegelt. Kein Otto N. im Spiel…

Unwichtig: Alle Jahre wieder versucht das Bundesministerium für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) eine Rechtfertigung für die Steuergelder, die es verbrennt, zu finden. Die Taktik der letzten Zeit ist jedoch mehr als erbärmlich: Man schnappe sich die letzte bekannt gewordene Sicherheitslücke in einem Microsoft-Betriebssystem und veröffentliche sie auf der eigenen Website. Zwischen dem Bekanntwerden und der Veröffentlichung sollte man aber unbedingt mindestens eine Woche warten – sonst erwarten die Leser noch wirkliche Sicherheitsrecherchen von einem, und das würde ja echte Arbeit bedeuten!

Eine kurze Aufstellung:

Trotzdem möchte ich nicht nur Schlechtes über das BSI berichten. Schließlich hält es uns nicht nur mit brandaktuellen Informationen zu ausgesuchten Sicherheitslücken auf dem Laufenden, sondern speichert auch gleich alle „Protokolldaten“, die bei der Kommunikation mit Behörden anfallen – praktisch, wenn man mal seinen Namen oder sein Gehalt vom letzten Jahr vergisst. Schnell „entpseudonymisiert“ sind diese Informationen komfortabel abrufbar.

Unfassbar: Auch nachdem Bundesverbaucherschutzministerin Ilse Aigner nach geschätzt 10.000 Drohungen nun tatsächlich Ihre Facebook-Mitgliedschaft beendet hat, hört das Rumgeflenne nicht auf. Mal wieder wird Facebook vorgeworfen, gegen den Datenschutz zu verstoßen. Konkretes Problem: Facebook hat eine App zur Synchronisierung von Profil und Handykontakten entwickelt, und nun kommen angeblich Psychologen angelaufen, die sich über den Abgleich der Daten beschweren. Und da ist Frau Aigner natürlich nicht eingefallen, den entsprechenden Leuten mal nahe zu legen, Patientendaten nicht zusammen mit einer Facebook-App zusammen auf einem Handy zu speichern. Hätte wohl auch keine so gute Publicity gegeben. (Wer bei Google nach Ilse Aigner sucht, findet unter den ersten 30 Suchergebnissen gleich 11 mit Bezug auf die Facebook-Thematik.)

Unfassbar ist aber auch, dass nach den Forderungen nach einem besseren Datenschutz bei Facebook gleich wieder seitens öffentlicher Stellen nach einer besseren Möglichkeit den Bürger auszuspionieren geschrien wird – dieses Mal Seitens des BDK. Im speziellen werden auch soziale Netzwerke genannt. Wo bleibt da unsere Verbraucherschutzministerin, wenn es um den Datenschutz bei Facebook geht? Und was ist mit den Finanzdaten, die von uns fast ohne Auskunftsanspruch in den USA gespeichert werden? Ach, ganz vergessen, wenn eine Behörde alles über einen herausfinden kann ist das natürlich ok. Na dann bin ich wohl auch glücklich…

Unfassbar eigentlich, dass es wieder so viel verbalen Müll von Politikern gibt. Mal wieder versucht sich eine Politikerin (ich werde ihren Namen demonstrativ nicht nennen) zu profilieren, indem Sie Computerspiele – oder von der Politik gerne „Killerspiele“ genannt – angreift. Nun aber im speziellen sexuelle Gewalt mit Computerspielen in Verbindung zu bringen, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar.

Einzige Erklärungsmöglichkeit: Die Dame hat selbst erkannt, dass es Eltern, gibt, „die sich kaum dafür interessieren, was ihre Kinder […] ansehen, auf welchen Seiten sie im Netz surfen oder welche Videospiele sie spielen“. Die einfache Rechnung, wie viele potentielle Wähler man bei einer verbalen Attacke auf die Eltern gegenüber einem Angriff auf die Jugendlichen zu Gunsten einer PR-Aktion verlieren würde, hat wohl selbst die CSU-Politikerin durchführen können.

Zugfahrt des Grauens

Ich muss zugeben, eigentlich ist es schon fast zu leicht sich über die Bahn lustig zu machen. Ja, die Züge haben oft Verspätung. Ja, die Bahn ist bürokratisch und ineffizient. Ja, viele Bahnmitarbeiter kennen den Begriff „Service“ nur vom Hörensagen. Und jetzt auch noch ausfallende Klimaanlagen in den ICE’s…

Nichtsdestoweniger muss man zugeben, dass man besonders auf weiten Strecken kaum günstiger – Bahn Card vorausgesetzt – und stressfreier an sein Ziel kommen kann. Ebenso komfortabel ist die Buchung eines Tickets online. Unfassbar, dass man dafür früher anstehen musste…

Aber zurück zum eigentlichen Thema. In 95% der Fälle kommt man mit der Bahn zuverlässig an sein Ziel, nicht unbedingt immer pünktlich, aber immerhin ans Ziel. Doch dann gibt es noch diese bestimmten, grauenhaften Tage an denen man sich wünscht, doch lieber zu Hause geblieben zu sein. Dieser Tag war für mich vorgestern.

Wie in jedem guten Horrorstreifen beginnt alles ganz harmlos. Beschwingt steige ich abends in den ICE in Hannover Richtung München. Finde gleich mehrere freie Plätze, lasse mich auf die Polster fallen und genieße die Fahrt. Leider dauert diese nicht ganz so lange wie erhofft: Nach 5 Minuten steht der Zug wieder.

Noch denke ich mir nichts böses. Von den Klimaanlagenausfällen habe ich gehört und bin deshalb mit ausreichend Erfrischungsgetränken ausgestattet. Überhaupt steige ich grundsätzlich in keinen ICE mehr ohne vorher eine Flasche Wasser mitzunehmen, seit ich neulich auf der fünfstündigen Heimfahrt kurz vor der Dehydrierung stand, weil im Bord Bistro das Wasser ausgegangen war.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen: „Verehrte Fahrgäste, uns ist leider der Lokführer abhanden gekommen. Es wird voraussichtlich ca. 60 Minuten dauern, bis der Ersatz eingetroffen ist.“ Verdutzt schaue ich mich um. In meinen Augen ist eine Mischung aus Verwunderung und Unwohlsein zu lesen. Die anderen Fahrgästen sind seltsamerweise völlig ungerührt. Nur eine ältere Dame, deren Blick ich streife, ringt sich zu einem „Irgendwas is ja immer…“ durch.

In meinem individuellen Horrorfilm bin ich anscheinend die Figur, die die Gefahr wittert und anschließend alle Anderen mit seiner Paranoia verrückt macht. Macht sich den keiner Gedanken darüber, dass unser Lokführer anscheinend gerade die Fliege gemacht hat? In meinem Kopf sehe ich unwillkürlich einen panischen Bahnangestellten vor mir, der mit wirrem Blick aus dem (mittlerweile ja stehenden) Zug springt und über die Gleise im Gebüsch verschwindet. Was hat ihn dazu bewogen? Ist eine Bombe im Zug?

Nervös rutsche ich auf meinem Sitz herum, schon jetzt scheint mein Anschlusszug nicht mehr erreichbar. Schließlich werde ich ungeduldig und trete auf den Gang. Die Leere auf den Gängen erzeugt eine beklemmende Atmosphäre. Um das Klischee zu erfüllen bin ich fast versucht: „Hallo, ist da jemand?“ zu rufen. Da auf den Gängen niemand steht, kann ich ungehindert einige Wagen auf der Suche nach einem Servicemitarbeiter durchqueren. Verdammt, die Kontrollettis sind schwerer zu finden, als Kundenberater bei Media Markt.

Nach 8 Waggons gebe ich auf und greife prophylaktisch zum Handy… Funkloch… Horrorfilm-like eben! Nach endlos-scheinenden 70 Minuten setzt sich der Zug anschließend (offensichtlich mit Lokführer) wieder in Bewegung. Endlich habe ich wieder Empfang und nerve den nächstbesten Angestellten der Bahnhotline mit meiner Befürchtung in Würzburg nicht weiter zu kommen, da mein Anschlusszug bestimmt keine Stunde auf mich warten wird. Ich könne mit dem Taxi weiterfahren, erwidert er, allerdings liege die Erstattungsgrenze bei 80 EUR. Ich kann mir ein abfälliges Lachen kaum verkneifen. Diese letzten 130 km werde ich selbst mit meinem flohmarkterprobten Verhandlungsgeschick kaum für 80 EUR überbrücken. Schon leicht genervt, bedanke ich mich und beende das Gespräch.

Um meiner Rolle als Nervenbündel angemessen nachzukommen, springe ich natürlich dem nächsten aus seinem Versteck gekrochenen Service-Mitarbeiter entgegen. Nach dem ersten Schock beruhigt dieser sich und dann mich, dass ich nicht in der fränkischen Pampa stecken bleiben werde, sondern in Kassel auf einen anderen ICE Richtung Stuttgart umsteigen kann.

Welch ein Glück! Das ist der Teil des Films, an dem noch alles gut werden könnte, die Protagonisten jedoch lieber den kürzeren Pfad durch den dunklen Wald nehmen anstatt an der sicheren Straße entlang zu wandern… Also steige ich in Kassel aus und warte auf den versprochenen ICE. 30 Minuten Wartezeit! Na toll!

Als ich endlich im ICE Richtung Stuttgart sitze, fallen mir schon die Augen zu. „Hier noch jemand zugestiegen?“. Ich tue so, als würde ich schon schlafen… „Fahrkarten, bitte!“. Pause. Es nützt nichts. Ich öffne die Augen, krame meine Fahrkarte heraus und grinse „Hanniball Lector“-mäßig freundlich. Der Kontrolleur versteht mein übertriebenes Lächeln falsch und weist mich darauf hin, dass ich im falschen Zug sitze. Ich murmele nur irgendwas mit „Verspätung“, woraufhin der Kontrolleur emotionslos zum nächsten Abteil trottet.

Am liebsten würde ich schlafen, aber irgendwie bin ich dermaßen genervt von der Situation, dass ich erstmal auf meinem Blackberry checke, ob ich denn von Stuttgart an mein finales Ziel Ludwigsburg gelangen kann. Bingo! Fahrplanmäßige Ankunft meines ICE’s 0:44 in Stuttgart. Um 0:58 fährt die letzte S-Bahn aus Stuttgart nach Ludwigsburg. Alles wird gut!

Doch die Dramaturgie macht mir einen Strich durch die Rechnung: der ICE legt eine annäherungsweise Vollbremsung hin und bleibt stehen. „Aufgrund einer Signalstörung…“. Ich hör schon nicht mehr hin…

Um ca. 1:00 Uhr mache ich mich mal wieder auf die Suche nach Zugpersonal. Ich muss dieses mal 11 Waggons durchqueren, bis ich auf eine ganze Herde stoße. Leider befinden sich diese schon im gefühlten Feierabend und lassen sich bei ihrem angeregten Gespräch nicht stören.

Erst ein übertrieben lautes „Entschuldigen Sie!“ lässt die Herde auseinander gallopieren. Und so frage ich den am wenigsten genervt-wirkenden Zugbegleiter wie ich denn von Stuttgart nach Ludwigsburg gelange. Dieser antwortet sehr freundlich (oder vielleicht habe ich den Sarkasmus in seiner Stimme nur überhört!?), ich könne einfach zum Service Point gehen und mir dort einen Taxischein geben lassen.

Plötzlich wandelt sich meine Stimmung. In meinem Kopf schlendere ich zum Service Point, dann zum Taxistand. Ein freundlicher Taxifahrer verstaut mein Gepäck, während ich es mir auf dem lederbespannten Rücksitz einer Limousine gemütlich mache. Das nächtliche Stuttgart fliegt vorbei und alle Anspannung fällt von mir ab. Ahhhhhh.

1:15: die Tür springt auf, ich schleife meiner Koffer auf den Bahnsteig und nähere mich frohen Mutes der Bahnhofshalle. Endgegner-Zeit! In diesem Teil des Horrorstreifens dreht es sich um den einzig überlebenden Protagonisten, der es geschafft hat aus dem Mutanten-Wald zu entkommen und sich nun in Sicherheit wähnt. Doch was wartet hinter der nächsten Ecke? Ich betrete die Bahnhofshalle. Schock! Vor dem Service Point stehen hunderte Menschen. Mein Ledersitz-Traum von eben zerbricht in tausend Scherben. Ich schaue auf die Uhr. Inzwischen hätte ich schon seit eineinhalb Stunden im Bett liegen können.

Mit schweren Schritten stelle ich mich widerwillig an die Monster-Schlange an. Ich fange ein Gespräch mit dem Schwaben neben mir an. Er versucht mich aufzumuntern. „Jetzt sind wir ‚On Line‘ „. Netter Versuch. Redlich kämpfen sich die beiden Schaltermännchen ab, um der Lage Herr zu werden. Leider scheinen sie nichtsdestoweniger den üblichen bürokratischen Prozess einhalten zu wollen. In der ferne kann ich erkennen, dass meine Leidensgenossen Formulare ausfüllen müssen. Ich spiele mit dem Gedanken einfach ein Taxi zu nehmen und anschließend eine Rückerstattung bei der Bahn zu beantragen. Schnell verwerfe ich den Gedanken wieder. Alles ist mir lieber als die Bürokratie-Hölle der deutschen Bahn. Nach einer halben Stunde kommt endlich etwas Bewegung in die Schlange. Die Bahner sind dazu übergegangen die Fahrgäste nach den jeweiligen Reisezielen auf die Taxis aufzuteilen.

Gute Idee. Aber musste das so lange dauern? Hoffnung keimt auf. Nach einer weiteren dreiviertel Stunde: „Ludwigsburg, wer muss nach Ludwigsburg?“ Etwas benommen stolpere ich los, verabschiede mich von dem Schwaben, wünsche ihm viel Glück. Auf dem Parkplatz stehen insgesamt 30 Taxis. Anscheinend haben sich die  Taxifahrer aus dem gesamten Landkreis hier versammelt. Wäre die Bahn beim Ausstellen der Taxischeine nur halb so flexibel, wie die Taxifahrer, die sich hier die Nacht um die Ohren schlagen, meine Leidensgenossen und ich wären schon längst im Bett.

Um 2.45 Uhr flutsche ich aus dem überfüllten Taxi. Läute die Nachtglocke meines Hotels. Der Hoteleigentümer öffnet, ich fasele irgendwas mit „Hölle“ und „Bahn“. Mit allerletzten Kräften schließe ich mein Zimmer auf, falle aufs Bett. 36 Grad im Zimmer, donnernde LKW’s vorm offenen Fenster. Alles verschwimmt. Mein letzter Gedanke: Ob ich zurück vielleicht lieber das Flugzeug nehme…!?