Leben

Kurzgeschichte

Heute morgen ist meine Mutter gestorben.
Sie starb alleine.
In ihrem Wohnwagen.
Ein Freund hatte mich hingefahren, ich wollte Sie besuchen.
Sie hatte einfach aufgehört zu leben.
Schon länger.
So wie mein Vater.
Er ist der Vorstandsvorsitzende eines börsennotierten Unternehmens.
Auch er ist alleine.
Wissende sehen das auf den ersten Blick.
Andere brauchen länger.
Ich werde jetzt da raus gehen.
Ich werde anfangen Fehler zu machen.
Mich nicht zu verstecken.
Und nicht perfekt zu sein.
Denn das ist es, was das Leben ausmacht.
Zu leben.

Demokratie ade

Einmal wieder gibt es einen Anlauf zur Abschaffung der Demokratie: Die Präsidentenkonferenz des europäischen Parlaments hat gestern beschlossen, einem umstrittenen Bericht zur „Harmonisierung des Urheberrechts“ zuzustimmen, das Thema dem Plenum erneut zur Abstimmung vorzulegen, und Änderungsanträge sowie eine angemessene Diskussion dieses mal von vornherein zu verbieten.

Eigentlich nicht verwunderlich, dass der bekannte Demokratiegegner Nicolas Sarkozy sich mit seiner ersten Schlappe, bei der das Parlament ihm (und den zahlreichen Lobbygruppen) bereits die Zustimmung zu abgestuften Internetsperren verweigert und statt dessen die Förderung rechtmäßiger Inhalte gefordert hat, nicht abfinden würde. Klar wurde das spätestens, nachdem Sarkozy nach seiner Niederlage den Komissionschef Barroso persönlich um Streichung des auf demokratischen Weges erzielten Zusatzes 138 zur Verhinderung von Internetsperren gebeten hat (Orginalbrief).

Die Wikipedia stellt an demokratische Entscheidungen sechs Anforderung:

  1. Gleichheit, das Recht von jedem, an Wahlen teilzunehmen. Sehen wir dies bei den demokratisch gewählten Vertretern des Parlaments mal als gegeben an.
  2. Freiheit, also eine Abstimmung ohne Zwang und mit ausreichend Zeit. Was ist also mit den Lobbygruppen, die mit Arbeitsplatzabbau drohen um Einfluss auszuüben? Gibt es hier nicht vielleicht schon einen Verstoß? Und wie sonst sollte man Sarkozys manipulierenden Brief an den EU-Kommisionspräsidenten beschreiben?
  3. Informationsfreiheit. Ja, dafür gibt es sogar ein Gesetz in der Europäischen Union. Dumm nur, dass es nicht zum Einsatz kommt, wenn die Interessen von „Dritten“ (auch eine nette Umschreibung für Lobbygruppen) ansonsten bedroht wären. So geschehen bei den aktuellen ACTA-Verhandlungen, aber dazu später mehr.
  4. Meinungsfreiheit – Ohne freie Äußerungen oder Änderungsanträge? Nein, für die Präsidentenkonferenz ist die Meinungsfreiheit nur ein uneingeladener Gast, der schnellstmöglichst aus dem Weg geräumt werden muss.
  5. Aktives Wahlrecht, die Möglichkeit jeder Person, bei Personalentscheidungen zu kandidieren, dürfte auch gegeben sein.
  6. Alternativen: Ja, wo bleiben die Alternativen? Die, die eigentlich schon demokratisch beschlossen wurden? Die Änderungen, die an Sarkozys ursprünglichem Plan der Unterwerfung der EU-Bürger der Willkürsjustiz der Musikindustrie beschlossen wurden? Sie stehen bei der Abstimmung draußen vor der Tür und dürfen nicht hinein.

Wow, die EU erfüllt ganze zwei Kriterien von sechs bei der Entscheidungsfindung. Na, da können wir ja froh sein, dass wir zumindest 33% Demokratie haben, meint ihr nicht?!?!???

Naja, immerhin dient die EU den Zwecken ihrer Bürger; versucht sie vor schädlichen Einflüssen von außen zu bewahren: Da wären zum Beispiel die Plagiate aus Ländern wie China oder Russland, die europäischen wie amerikanischen Firmen das Geschäft versauen. Damit soll jetzt Schluss sein, denn das ist das Ziel von ACTA, sagt die EU-Komission. Blöd nur, dass ACTA ein freiwilliger Vertrag zwischen einzelnen Ländern ist. Und jetzt ratet mal, wer nicht an den Verhandlungen teilnimmt? Richtig, Russland und China.

Aber welchem Zweck kann ACTA dann dienen? Naja, es gibt ja das Informationsfreiheitsgesetz, und wenn es den Bürgern der EU dient, müsste man ja mit einer einfachen Anfrage das in Erfahrung bringen können, richtig? Falsch. Die EU versteht es hier mal wieder hervorragend, ihre eigenen Gesetze so zu verdrehen, dass sie selbst davon nicht betroffen ist. Die Anfrage eines Mitarbeiters des FFII wurde einfach abgelehnt. Eine Herausgabe der Informationen könnte den Interessen der EU oder Dritter schaden, heißt es in der Begründung. Aber wenn das ein Vertrag ist, der Bürger der EU schützen soll, warum sollten eben jene Bürger dann nicht den Inhalt des Vertrages zu sehen bekommen?

Die Antwort ist wie so häufig ganz einfach. Der Vertrag dient tatsächlich einem gewissen Anteil von Bürgern der EU: Die Musik- und Filmindustrie wird sich freuen, wenn ihre zahlreichen (teils gescheiterten) Versuche, die Rechte der Bürger zu beschneiden um sie so weit wie möglich für Film- und Musikkosten ausquetschen zu können, nun von einem bindenden Vertrag unterstützt werden. Und das ohne das ganze nervige Demokratiegeraffel. Dann muss man sich auch keine Mühe machen, alternative, benutzerfreundliche Modelle zu entwickeln, um mit immateriellen Rechten Geld zu verdienen, sondern kann sich bequem zurück lehnen und die Arbeit weiter von Anwälten erledigen lassen.

Ein weiteres Mal hat sich die Investition in Lobbygruppen gelohnt. Musik-und Filmindustrie gehen weiter mit ihren „Freunden“ den mit Geld gepflasterten Weg. Irgendwo am Straßenrand bleibt dabei ein unscheinbares Etwas auf der Strecke, dass man dank des grellen, bunten Zieles gar nicht weiter beachtet. Leise wimmert die Demokratie am Straßenrand, doch sie weiß: Es gibt ein Wiedersehen. Und es wird laut.

Grimmmenschen

Ich möchte heute einmal über Grimmmenschen schreiben. Das sind für mich die Sorte von Menschen, die morgens schlecht gelaunt aufstehen, tagsüber schlecht gelaunt herum laufen, und abends schlecht gelaunt ins Bett gehen. Mir ist heute auf dem Weg zur Arbeit wieder so ein Mensch begegnet, der scheinbar schon seit Geburt an mit Grimmfalten (das sind vor allen Dingen zwei vertikale Falten über der Nase) gezeichnet ist.

Grimmmenschen antworten nur, wenn es ihnen als unbedingt nötig erscheint. Das im Halbschlaf gemurmelte „Guten Morgen“ komplett zu ignorieren gehört zu der Grundausbildung, wenn man ein Grimmmensch werden will.

Wie geht man also mit Grimmmenschen um? Ich habe mir hierzu zwei Handlungsweisen überlegt, nennen wir sie der Einfachheit halber den Antigrimm und den Übergrimm.

Der Antigrimm lächelt jeden Grimm, sobald er ihn erblickt, so freundlich er nur kann an; jede Begrüßung und Kommunikation mit dem Grimm wird er überschwenglich freundlich und laut durchführen. Der Grimm hat bei einer lauten, freundlichen Begrüßung gar keine andere Wahl, als zumindest gemurmelt zu antworten. Den Ärger darüber, diesen Akt der Freundlichkeit am eigenen Leib zu erfahren, wird ihn vermutlich nur noch grimmiger machen.

Der Übergrimm versucht den Grimm in seiner Grimmigkeit noch zu übertrumpfen. Man stelle sich einfach einen frei laufenden Grimm vor, der neben sich auf einmal jemanden entdecken muss, der noch grimmiger als er selbst ist und ihn seiner Individualität beraubt. Die Reaktionen dürften amüsant sein.

Ich werde ich den nächsten Wochen einmal beide Möglichkeiten versuchen und dann von den (hoffentlich interessanten) Ergebnissen berichten.

Drei Wünsche

Gestern habe ich mir (angestoßen durch eine Textpassage in Andrzej Sapkowski’s „Der letzte Wunsch“) einmal wieder die Frage gestellt, die sich wahrscheinlich jeder schon einmal gestellt hat: Wenn ich drei Wünsche frei hätte, was würde ich mir wünschen?

Das Finden von drei Antworten dauerte allerdings etwas länger, eigentlich sinnlos zu versuchen, jeden Wunsch in Gedanken perfekt auszuformulieren. Aber da ich sowieso nichts anderes zu tun hatte als das und auf das Einschlafen vor der Wirtschaftsrechts-Klausur zu warten, tat ich es.

Das einzig Interessante am Ergebnis war eigentlich, dass es mir bis zum letzten Wunsch (bis NACH dem letzten Wunsch, um genau zu sein) nicht eingefallen ist, mir etwas für viele Menschen nützliches zu wünschen. Sicher, hätte mich jemand gefragt, was ich mit drei Wünschen machen würde, wäre sicher etwas zum Weltfrieden oder zur Beseitigung von Armut aus mir herausgeblubbert.

Aber in den Gedanken ist ja niemand, an den man denken oder vor dem man sich rechtfertigen muss, also habe ich so egoistisch gedacht, wie man es sich nur vorstellen kann.

Ich finde, dieser Egoismus ist eine angeborene Sache des Menschen, ein Psychologe hätte hier vielleicht auch Details zu; ich schiebe es einfach mal auf den Selbsterhaltungstrieb, der uns zuerst an uns selbst denken lässt. Was ich für mich aus der ganzen Sache erkannt habe, ist, dass wohl jeder diesen angeborenen Egoismus hat, aber kaum jemand bereit ist, dass auch zuzugeben.

Also will ich für mich einmal den ersten Schritt machen: Ich habe einen Egoisten in mir. Das heisst: Ein Teil von mir ist Egoist. Ein anderer Teil ist es nicht. Ich hoffe, dass sich die beiden Teile wenigstens die Waage halten können.

Welch ein Glück, alles bricht zusammen

Und wieder gibt es einen Beitrag über das Radio. Um genau zu sein, sind es eigentlich zwei: Über das eine Thema, den Umgang des Radios mit der Finanzkrise, wollte ich eigentlich schon früher schreiben, das andere hat mich heute morgen mal wieder eingeholt: Glücks- oder Gewinnspiele im Radio. Eigentlich hatte ich die Hoffnung, dass sich das Phänomen des Fernsehens – immer kleinere Preise bei gleichen Anrufskosten – auch auf dieses beschränkt, doch ist dem offensichtlich nicht so. Im Radio kann man ab jetzt einen unfassbaren Preis gewinnen: Ein Buch! Wunderbar, dachte ich mir, die Möglichkeit unter zehntausenden Anrufern (die alle 14 Cent pro Anruf zahlen und dem Radiosender so zu mehreren tausend Euro verhelfen) derjenige zu sein, der ein ganzes Buch gewinnt, habe ich mir schon immer gewünscht! Aber dann kam der Haken: Das Buch darf ich mir als glücklicher Gewinner gar nicht selbst aussuchen – es ist einfach ein willkürlich nach meinem Nachnamen gewähltes Buch. Also habe ich mir die 14 Cent lieber gespart.

Unbeliebt gemacht hat sich das Radio bei mir aber auch schon vorher; inzwischen dürften jedoch alle bereits reichlich über das Thema Finanzmarktkrise informiert sein, weshalb ich dieses Mal nur die Kurzform schreibe.

Meiner Meinung nach gibt es zwei große Probleme, die zu der aktuellen Krise geführt haben. Zum Einen das Unvermögen der Banken, mit dem Geld anderer Leute verantwortungsbewusst zu wirtschaften. Zum Anderen Medien, die mit der Angst der Menschen spielen. Auf den zweiten Punkt möchte ich genauer eingehen.

Medien sind glücklich, wenn in der Welt etwas schlecht läuft, denn dann ist es einfacher, „tiefschürfende“ Artikel zu schreiben, die auf allgemeines Interesse stoßen. Einige Zeitungsblätter leben sogar ausschließlich davon, mit skandalträchtige Artikeln das Interesse des potentiellen Lesers zu wecken. Genau so ist es auch bei der Finanzmarktkrise gelaufen: Banken haben Probleme, Medien schlachten das Thema aus, schüren die Angst der Leser und steigern durch das gestiegene Informationsinteresse ihre Abnahmezahlen. Ein weiterer, von den Medien in Kauf genommener Effekt der verursachten Angst liegt darin, dass Bürger anfangen, ihr Geld von den Banken abzuheben und somit die Situation der Banken weiter zu verschlechtern.

Das hat auch die Politik erkannt, so dass Frau Merkel sich genötigt sah, ein Versprechen abzugeben: Sie versprach, dass die Einlagen der Bürger bei den Banken sicher sind; dass im Zweifel der Staat für die Einlagen aufkommen werde. Dies tat sie wohl in der Hoffnung, damit die von den Medien verursachte Angst zu verringern und den Run auf die Spareinlagen zu stoppen. Im Radio wurde nun mit der Bekanntgabe des Versprechens es mit eben jenem nicht eingehaltenen Versprechen von Norbert Blüm („Die Renten sind sicher“) verglichen. Das ist in dieser Situation für die Volkswirtschaft wohl das schädlichste, dass der Radiosender machen konnte. Der Versuch der Politik, die von den Medien verursachten Schäden zu beheben wird bombardiert, und wofür? Nur für etwas höhere Einschaltquoten.

Ich bin gespannt, ob im Rückblick die Masse der Menschen ebenfalls zu diesen Schlüssen kommt. Dann könnte dies nämlich übel für die Medien ausgehen, Glück für sie, dass der Scheiterhaufen abgeschafft wurde.

Trauerstunde

Zehn Minuten sind wieder vorbei, und der Wecker ruft, er ruft mit der Top-Nachricht des Tages: Thomas Dörflein ist tot. Thomas Dörflein? Wer zum Teufel ist das? Gut, dass das Radio es im zweiten Satz noch dahinter hängt: Thomas Dörflein, der Pfleger von Knut. Schön, wenn man selbst nach seinem Tod auf eine einzige Rolle, auf einen einzigen Aspekt des Lebens reduziert wird. Die scheinheilige Stimme des Radiomoderators kann nicht verbergen, dass dieser Mensch – zusammen mit dem Tier, dass er betreut – medienwirksam ausgenommen wurde. Das hat wohl auch die Redaktion des Radiosenders gemerkt, kurzerhand den Praktikanten in die Fußgängerzone geschickt und wohl willkürlich Menschen gefragt, was sie von dem Tod von Thomas Dörflein, dem Pfleger von Knut, halten. Die Antworten waren nicht sehr erstaunlich: Von „Das ist wirklich traurig“ über „Das ist aber schade“ zu „Der hat sich doch immer so gut um den Knut gekümmert“. So wie das mehrere tausende Tierpfleger in Deutschland täglich tun. Doch haben die Menschen Interesse an derem Schicksal? Nein. Und ich behaupte, ein wirkliches Interesse an Thomas Dörflein gibt es auch nicht. Dennoch wird das Thema ausgeschlachtet, für billige Schlagzeilen; nicht nur die Bild-Zeitung berichtet, sondern auch Blätter wie die FAZ lassen es sich nicht nehmen, auf den Zug aufzuspringen. Dass Dörflein das gewollt hat, wage ich zu bezweifeln.

Zu Hause

Zu Hause. Dies zwei kleinen Worte verwenden wir so oft, ohne einmal darüber nachzudenken, was sie eigentlich bedeuten. Für manche ist es einfach nur der Ort, an dem sie wohnen. Für andere – zu denen ich mich zähle – ist es doch ein bisschen mehr, was zu einem „Zu Hause“ gehört. Die Möglichkeit, an einen Ort zurück zu kehren, Abstand zu nehmen von der Welt und dem, was um uns herum passiert. Es ist ein Ort, der einem die schlechte Laune nimmt und die gute verstärkt. Habt ihr ihn gefunden?

Der Radiowecker

Jeder kennt ihn, keiner mag ihn – den Radiowecker. Tag für Tag holt er uns aus unseren Träumen zurück in das, was er als Realität bezeichnet. Nur eine kleine Auszeit gewährt er uns. Zehn Minuten, um dem Alltag zu entkommen, um nachzudenken. Ein kurzer Moment der Stille, in dem wir unsere Gedanken schweifen lassen können, weit weg zu all dem, was uns wirklich bewegt. Die Macht zu haben, einen Schritt zurück zu treten, sich und die Welt aus einem weiteren Blickwinkel zu sehen und die Dinge wirklich zu erfassen: So wie sie sind, und nicht wie sie vorgeben zu sein. Dann ist der Moment vorbei, und der Wecker erinnert uns mit den immer gleichen Liedern daran, dass es kein Entkommen gibt. Keinen Ausweg aus der Masse, die als breiter Strom immer gerade aus marschiert; entlang der Grenzen, die alle vorgeben zu sehen. Zehn Minuten gibt uns der Wecker, doch dann reißt er uns wieder mit. Keine Zeit verschwenden, haben wir doch so wenig davon, bei der Geburt schon den größten Teil verkauft. Und so fügen wir uns wieder in die Masse, erlauben ihr, uns mitzureißen, und sehnen die nächste kleine Pause am Straßenrand herbei.

Teil 2

„Wenn es keinen Gott gäbe, so müsste man ihn erfinden“ – Voltaire

„Sehr verehrte Damen und Herren. Ich wende mich heute, in meiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Renk GmbH, und auch als ein mitfühlender Mensch persönlich an Sie. Viele Menschen sind auf Phobos gestorben, und im Gedenken an sie bitte ich um eine Gedenkminute. … Auch den Angehörigen der vielen Opfer möchte ich mein Beileid, unser aller Beileid, das Beileid eines ganzen Sonnensystems aussprechen.
Wie Sie sicher gehört haben, wurde als Grund für die schreckliche Katastrophe ein namloser Asteroid bekannt. Dies ist jedoch nur die halbe Wahrheit: Einige von ihnen konnten eine Explosion auf Phobos beobachten. Nun, unsere Wissenschaftler sind selbstverständlich diesen Berichten nachgegangen. Sie sind zu einer erschreckenden Erkenntnis gekommen: Die Explosion muss von einem fremden Flugkörper verursacht worden sein, der um 3:42 Uhr auf Phobos eingeschlagen sein muss. Die Art der Explosion lässt darauf schließen, dass keine der bekannten Randgruppen für diese Explosion verantwortlich sein kann, der verwendete Sprengstoff ist selbst den renommiertesten Wissenschaftlern gänzlich unbekannt.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, unsere Wissenschaftler konnten nur eine Erklärung für die Ereignisse finden. Wir wurden von einer außerirdischen Macht angegriffen. Die Wehrlosigkeit unserer neusten Kolonie wurde schamlos für einen hinterhältigen Angriff ausgenutzt. Momentan besteht unser einziger Schutz vor weiteren Angriffen in den Fremdkörper – Abwehrschilden, die die Renk GmbH auf jedem Planeten des Sonnensystems installiert hat. Dennoch wissen wir nicht, wie lange diese Schilde einem stärkeren Angriff standhalten könnten.
Wir würden uns zwar glücklich schätzen, unser aller Planeten aktiv verteidigen zu können, doch der Sojus-Pakt verbietet jede Art von bewaffneten Schiffen oder deren Produktion. Versuche, eine Ausnahmeregelung zu erreichen oder den Pakt aufzuheben, scheiterten an der Sturheit der Koalition. Ihre Regierung erkennt das Dilemma nicht, in dem wir stecken. Darum habe ich heute beschlossen, zusammen mit einem ausgewählten Beraterkreis bei der anstehenden Wahl zu kandidieren. Ich bitte Sie, uns zu helfen, Ihnen zu helfen. Wir können Sie vor weiteren Angriffen verteidigen. Sie müssen uns dafür nur die Waffe geben. Stimmen Sie für uns bei der morgigen Wahl, damit wir allen ein friedliches Leben ermöglichen können, frei von Angst vor weiteren Angriffen. Stimmen Sie für die Renk Partei! Sichern Sie das Überleben der Menschheit! Sichern Sie Ihre Zukunft!“

Betrachtete ein normaler Mensch den Menschenauflauf vor dem Weltparlament, bei dem Unmengen von Demonstranten sich mit Politikern vereinigt hatten und gemeinsam gegen eine drohende Herrschaft von Erebo Renk protestierten, gewann er ziemlich sicher den Eindruck, dass nach einer solch eindrucksvollen Versammlung niemand mehr auch nur auf die Idee käme, ernsthaft diesen „gefährlichen Mann“ zu wählen. Erebo sah das jedoch anders. Sein Auge hielt nur nach echten Gefahren Ausschau. Jeder Aufstand, so wusste Erebo, hatte eine Grenze; wenn niemand von ihm hörte, hatte er auch nie statt gefunden. Das Weltparlament lag – teils auf Grund der Sorge der Politiker vor terroristischen Anschlägen – deutlich ab vom Schuss, in einem Umkreis von 30 Kilometern existierte lediglich ein kleines Fischerdörfchen. Erebo schwenkte seinen Blick, als ihm etwas entgegenfunkelte, doch es hatte sich wohl nur um eine Reflektion der Sonne am Spiegel eines Politikers gehandelt. Sein Plan schien funktioniert zu haben, auf dem Kronos – Platz ließ sich kein einziger Reporter ausmachen. Die Augen der Welt waren auf andere Dinge gerichtet, gegenwärtig spielten sie vermutlich Horror – Szenarien ab, die zeigten, wie dreckig es der Menschheit in ihrem jetzigen Zustand bei einer außerirdischen Invasion gehen würde. Mit einem Wink signalisierte er dem Fahrer, zurück zum Firmengebäude zu fahren und lobte sich insgeheim selbst für seine Entscheidung, einen Großteil seines Geldes in Mediengesellschaften zu stecken. Nur wenige Politiker seiner Tage hatten die Macht der Medien erkannt, und kaum einer konnten Gebrauch von ihnen machen. Ein weiterer glücklicher Umstand auf seiner Reise an die Spitze der Macht; nur wenig trennte ihn jetzt noch davon, der Herrscher über das gesamte Sonnensystem zu werden. Dann, wenn diese letzte Hürde genommen war, konnte er endlich einige Umstrukturierungen vornehmen, die alten Formen hatten sich nach den Analysen seiner Berater als so überholt erwiesen wie auch die Demokratie an sich. Egoisten zu sein: So etwas konnte er den Politikern nicht vorwerfen. Selbstverständlich zweifelten sie, waren sie in der Opposition, jede vernünftige Lösung an, solange sie von der Gegenseite kam; es galt schließlich eine Wahl zu gewinnen. Erebo wollte Abhilfe schaffen.

Teil 1

Eine einzelne Träne verließ Marks Auge, bahnte sich ihren Weg vorbei an roten Augenlidern, folgte dem Verlauf der Nase um schließlich in seinem Mund zu enden. Doch war es wirklich eine Träne? Mark konnte nicht mehr unterschieden. Könnte es nicht genauso gut ein Wassertropfen gewesen sein, der in dieser trostlosen Gegend von einer einsamen Regenrinne seinen Weg hinaus aus der Welt sucht? Wenn er genauer darüber nach dachte, interessierte es ihn inzwischen auch nicht mehr. Ein ganzer Regenschauer war vergossen worden, ohne irgendeine Besserung seines Zustandes zu erreichen.

Sein Gegenüber musterte Mark gründlich. Sicher, er war von der Katastrophe betroffen, etwas anderes war auch nicht zu erwarten, doch war er aus den richtigen Motiven gekommen? Wollte er nur Rache, oder steckte der gleiche Wunsch in ihm, wie er in allen Mitgliedern seiner Vereinigung steckte?

„Ich … brauche einfach noch etwas Zeit, um …“

Ja, wozu eigentlich? Zu vergessen? Allein der Gedanke ließ ihn erschaudern. Nein, Mark würde niemals vergessen, was sie seiner Familie angetan hatten. Diese kleinen, süßen, gnubbeligen Ärmchen, die sich nach ihm ausgestreckt hatten; Hände, die fest seine Finger umschlossen; das langsame Krabbeln und die ersten Worte, die so harmonisch geklungen hatten wie keine Symphonie: „Mama“ und „Papa“. Mama. Auch sie fehlte ihm. Jahrelang hatte er gefürchtet, niemals eine Verbindung zu einer Frau aufbauen zu können, die länger als eine Woche währte, und nun war ihm seine Seelenverwandte einfach so aus seinen Armen geglitten; Seelenverwandte, wie lange hatte er mit ihr über ihre Verbindung geredet, bis dieses Wort über ihre wundervollen Lippen geflossen war, Seelenverwandte, ja das waren sie wohl. Von dem, was sein Gegenüber sagte bekam er nur wenig mit.

„…Zeit …das Geschehene … verarbeiten … völlig normal …. Zeit nehmen … reden …“

Reden. Über das Geschehene, seine Gefühle, einfach alles zu reden, sich wieder einer Person zu offenbaren, nein, das konnte er nicht. Doch handeln konnte er. Dazu war er hier. Er unterbrach den Redeschwall seines Gegenübers, nicht etwa aus Unhöflichkeit, nein, es war vielmehr so, als hätte er ihn überhaupt nicht wahrgenommen.

„Was kann ich tun?“

Erneut musterte Eric ihn. Zunächst wirkte er so verschlossen und voll von Schmerz, dass dieser schon fast physisch im Raum stand, kurz darauf war er gefasst und zielorientiert. Sollte sich doch Walter mit ihm herumschlagen, wenn sie ihn nicht aufnahmen, würde er garantiert Amok laufen. Und es gab nichts, was sie im Moment weniger gebrauchen konnten als einen Amokläufer, der den Feind dazu treibt, seine Verteidigung noch weiter zu verstärken. In Walter’s Händen konnte er vielleicht noch ein ausgezeichnetes Werkzeug werden.