Flüchtlinge

Ich bin gerade daran vorbei gefahren. Das sogenannte Containerdorf steht direkt an der Bahnstrecke, die Anderten von Misburg trennt. Es ist eine Notlösung. Schließlich nimmt Hannover dieses Jahr 2200 Flüchtlinge auf. Die Bildzeitung sagt, sie muss. Über die Bahnstrecke neben dem Containerdorf führt eine Brücke. An einem der Pfosten steht mit schwarzer Farbe „Nationaler Sozialismus, Jetzt!“.

Ich bin heute unausgeglichen und genervt. Das ist nicht gut, denn das Graffiti will mir nicht aus dem Kopf gehen. Was sind das für Menschen, die solch menschenverachtenden Ideologien nachsehnen? Warum sind sie so vergiftet? Ich schüttle den Gedanken ab. Meine Empathie geht dafür nicht weit genug.

Seit Anfang 2014 arbeite ich ehrenamtlich im Unterstützerkreis Flüchtlingsheime mit. Seitdem haben Flüchtlinge für mich Namen und Gesichter bekommen, und es ist für mich noch schwerer geworden, Verständnis aufzubringen für Menschen, die die Aufnahme von notleidenden Menschen in unserer „Festung Europa“ kritisieren. Leider scheint diese Kritik nicht mehr nur von NPD-Anhängern zu kommen. Insbesondere die Pegida-Bewegung will uns weismachen, dass sie die Mitte der Gesellschaft repräsentieren. Ob nun Mitte oder nicht, erschreckend ist die Anzahl derer, die besorgt und wütend sind. Sie sind zu finden in den sozialen Netzwerken und auf Pegida Demos. In Dresden „spazierten“ zwischenzeitlich 25.000 Menschen auf Seiten der sogenannten Islamkritiker. Im Januar 2015 fand auch in Hannover eine Pegida-Demo statt. 200 dafür und 19.000 dagegen. Für mich ein überwältigendes Erlebnis. Es spiegelt das wieder, was ich seit Monaten im Unterstützerkreis erlebe: Es gibt viele Menschen in Hannover, die sich Gedanken machen, die Nein sagen zur Ausgrenzung. Sie fühlen sich durch die harsche Kritik der Einwanderungsgegner eher angetrieben als abgeschreckt und strömen zu den Runden der Nachbarschaftskreise und Vereinstreffen, so dass diese aus allen Nähten platzen.

Aber so wie in Hannover scheint es vielerorts in Ostdeutschland nicht zuzugehen. Wo Bürgermeister aus Angst vor Nazis zurücktreten, die Polizei von Rechten unterwandert ist und regelmäßig Flüchtlingsheime brennen. Das Paradoxe dabei: in den neuen Bundesländern leben viel weniger Flüchtlinge und Ausländer als in den alten. In Sachsen liegt der Ausländeranteil geschätzt sogar nur bei um 0,1 Prozent.

Entsprechend scheinen die Angst vor Islamisierung und Überfremdung eher Fantasiegebilde zu sein, die leider nicht einmal durch Fakten ins Wanken zu bringen sind. So haben die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass einen Überschuss von 22 Milliarden Euro erwirtschaftet und das Sozialsystem im Durchschnitt gestützt und nicht belastet. Trotzdem hält sich das Klischee des sozial-schmarotzenden Ausländers hartnäckig.

Was die Menschen der Pegida-Bewegung wirklich brauchen, sind nicht weniger Ausländer, sondern mehr alltägliche Realität. Unter meinen Kollegen und Freunden sind viele Ausländer und sie erfüllen keines der verbreiteten Ressentiments der neuen rechten Bewegung. Natürlich gibt es auch die Unangepassten und Kriminellen, aber sie sind die Ausnahme und nicht die Regel. Ebenso würde ich zu gerne mal einen der Dresdener „Spaziergänger“ an die Hand nehmen und ihm mein Flüchtlingsheim zeigen. Wer einmal die afrikanischen Kinder vor dem Heim im ersten Schnee ihres Lebens beobachtet, und die Dankbarkeit und Wärme vieler Flüchtlinge erlebt hat, der wird kaum ruhigen Gewissens ihre Abschiebung fordern können.

Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft

Die nagelneue, schlank-durchgestylte Kompaktkamera knallt mit voller Wucht auf den Fußboden. Knack! Auf den ersten Blick funktioniert noch alles. Aber was ist das? Das Glasplättchen, das die Linse vor Beschädigungen schützen soll, hat einen Riss. Die Kamera tut nach wie vor ihren Dienst, doch nun zieht sich eine breite milchige Spur durch jedes Foto. Die Nachfrage bei mehreren Fotofachgeschäften ergibt: die Kosten für das Austauschen des kleinen Glasplättchens, das so tapfer Schlimmeres verhindert hat, übersteigen bei Weitem den Anschaffungspreis der Kamera.

Das Konsum-Dilemma

Es ist paradox: Für die Herstellung, Verpackung und Transport dieses kleinen High-Tech-Wunders wurden wertvolle Ressourcen verbraucht, wie Erdöl, Wasser und insbesondere Metalle. Wie in allen Produkten mit Mikroprozessoren wurden hier seltene Erden verwendet, deren Abbau zumeist den Einsatz von Säuren erfordert. Insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent werden durch die Folgen dieses Abbaus Flüsse und ganze Landstriche verseucht. Der sogenannte ökologische Fußabdruck der meisten Elektrogeräte ist verheerend. Ein HP-Drucker etwa verursacht während seiner Produktion so viel CO2 wie 4 Bäume in 70 Jahren absorbieren können. Da wäre es doch naheliegend dafür zu sorgen, das Produkte haltbar und vor allem reparierbar produziert werden. Das Gegenteil ist der Fall. Immer mehr Produkte werden absichtlich so hergestellt, dass sie nach einer Weile kaputt gehen oder sich gar selbst zerstören. Alles im Sinne einer Überflussgesellschaft, die der Wirtschaft durch exzessiven Konsum ewiges Wachstum bescheren soll – auf Kosten der Umwelt.

Bewusstsein

Leider scheint es sich in Deutschland etabliert zu haben, immer alles neu zu kaufen. Kein Wunder: die meisten Waren können bequem von der Couch aus bestellt werden und stehen nach einem Wimpernschlag im Wohnzimmer. Da der erste Reflex fast immer der Neukauf ist, wird auf den Gebrauchtmarkt eher selten zugegriffen, auch wenn dort gute Waren zum Bruchteil des Originalpreises angeboten werden. Weil für die meisten Menschen in Deutschland keine wirtschaftliche Notwendigkeit besteht, entwickelt sich nur langsam ein Bewusstsein für die momentane Verschwendung von Rohstoffen. Aber ein Trend zum verantwortlichen Konsum ist da, das zeigen Organisationen wie z.B. Freecycle, die dafür sorgen, dass gute Sachen nicht auf dem Müll landen.

Gewissensbisse und eine Idee

Als technikbegeisterter Gadget-Sammler kaufe ich Geräte aus so ziemlich jeder Gattung. Vom Smartphone über die Action-Cam bis hin zur SSD-Festplatte ist nichts vor meiner Kreditkarte sicher. Immer mit dabei: das schlechte Gewissen. Um dieses wenigstens etwas zu beruhigen, beschloss ich wenigstens dafür zu sorgen, dass meine nicht mehr genutzten Geräte ein zweites Leben bekamen. Doch damit nicht genug auch die im Keller gelagerten Möbel, CDs und Filme warteten nur auf ihre Reinkarnation. Versüßt wurde das Ganze durch die Aussicht auf einen gewissen Resterlös für den alten Krempel.

Good stuff for free

Los ging es mit einem Wohnzimmertisch, einem Schreibtisch und einem Sofa. Da ein Umzug vor der Tür stand sollten die Sachen möglichst schnell an den Mann gebracht werden, daher sollte der Kaufpreis möglichst kundenfreundlich gestaltet werden. Alle drei Möbelstücke wurden in gutem Zustand für sagenhafte null Euro bei einem bekannten Kleinanzeigenanbieter eingestellt. Als nach Tagen noch kein Interessent gefunden war, riet mir meine Freundin dazu, den Kaufpreis etwas zu erhöhen. Ich wollte beim besten Willen nicht begreifen, wie das helfen sollte, probierte es jedoch aus. Erstaunlicherweise gingen in den folgenden Tagen mehrere Anrufe ein. Besonders anspruchsvolle Kunden wünschten eine kostenlose Sofortlieferung. Diesem Wunsch konnte ich nicht nachkommen, jedoch fand sich tatsächlich ein ernsthafter Interessent für das Sofa. Der potentielle, männliche Käufer vereinbarte einen Termin, erschien dann jedoch unerwartet nicht. Im Laufe des nächsten Tages meldete er sich doch noch, um erneut um einen Termin für den Abend zu bitten. Mit nur einer Stunde Verspätung klingelte anschließend ein hagerer, jedoch brutal aussehender Mann an unserer Tür. Begleitet wurde er von einer etwas untersetzen Frau, deren Gesicht ein knall-grünes Veilchen zierte. Mit kritischem Blick inspizierte er das braune Sitzmöbel. Anscheinend waren die gut ausgeleuchteten 18-Megapixel-Aufnahmen und die Beschreibung in der Anzeige noch nicht aussagekräftig genug gewesen, denn er war nur zur Besichtigung des Sofas gekommen und hatte daher auch nicht das passende Auto für den Transport dabei. Unglaublich: unterm Strich waren also drei Termine notwendig, um ein neu bezogenes Sofa für 10 EUR zu verramschen. Ich habe schon von Immobilienmaklern gehört, die bei Ihren Verkäufen effektiver sind. Der Mann mit dem brutalen Gesicht war begeistert und versprach sich zu melden, wenn er ein ausreichend großes Transportvehikel besorgt hätte. Ich hörte nie wieder von ihm. Dies war die erste von vielen interessanten, skurrilen und ärgerlichen Begegnungen, die ich dem Abenteuer Kleinanzeige zu verdanken habe. Diese endete leider mit drei tadellosen Möbelstücken auf dem Sperrmüll.

Der 24-Stunden-Service

Ein weiteres Highlight ereignete sich erst vor einigen Tagen. Ein Mann namens Ralf (Name von der Redaktion nicht geändert) meldete sich auf eine Kleinanzeige, in der ich meine kaum benutze Bluetooth-Maus inklusive Anleitung für 5 Euro anbot. Der Interessent wollte genau wissen wie alt und in welchem Zustand die Maus war. Bereitwillig beantwortete ich ihm alle Fragen, erklärte ihm sogar die Funktionsweise von Bluetooth, da er durchblicken lies den Unterschied zwischen einer herkömmlichen Funk-Maus und einer Bluetooth-Maus nicht zu kennen. Wir vereinbarten einen Termin. Pünktlich zur vereinbarten Zeit stand nun Ralf – um die 40, Halbglatze, Brille, knapp 2 Meter groß – vor meiner Tür. Gewissenhaft kontrollierte er die Maus auf optische Mängel, drückte mir einen Schein in die Hand und verabschiedete sich. Schon auf der Türschwelle schob er noch nach: „Ich hoffe die Maus funktioniert. Ansonsten kann ich ganz schön unbequem werden“. Bei diesen Worten stellten sich bei mir die Nackenhaare auf. Ein offensichtlicher PC-Anfänger mit einer neuen Hardware-Komponente, die es nun galt einzurichten, das konnte ja nicht gutgehen. Nicht einmal eine halbe Stunde später empfing ich eine Mail in der Ralf mit bereits deutlich gereiztem Unterton erklärte, die Maus ließe sich nicht installieren. Geduldig formulierte ich eine Mail mit Anweisungen wie die Maus zu installieren wäre. Anschließend war Ralf einen Schritt weiter, behauptete jedoch nun die Maus wäre nicht mit Windows 7 kompatibel. Darauf antwortete ich ihm, ich hätte die Maus ausschließlich unter dieser Betriebssystemversion betrieben und gab noch einige Hinweise, was er bei der Installation evtl. vergessen haben könnte. Inzwischen war es nach acht und ich schaltete den PC aus, um mich nun auf dem Sofa der Fussball-EM hinzugeben. Auf dem Weg ins Bett etwa 2 Stunden später warf ich einen Blick auf mein Smartphone: zwei Mails von Ralf. In der Ersten von 20:25 Uhr formulierte er weitere Fragen zur Einrichtung der Maus. In der Zweiten, mit vielen Ausrufezeichen versehenen Mail von 21:36 Uhr empörte sich Ralf über die offensichtliche Beendigung meiner technischen Unterstützung. Seinem Frust verlieh er zudem durch eine Drohung ausdruck. Ich – nun ebenfalls gereizt – antwortete, er könne die Maus gerne zu mir zurückbringen, jedoch würde ich keinerlei weiteren Rund-um-die-Uhr-Gratis-Support leisten. So stand Ralf nun am nächsten Abend wieder vor meiner Haustür. Wortlos tauschten wir Maus gegen Geld. Ich schloss die Tür mit Nachdruck und ärgerte mich insgesamt 1,5 Stunden Zeit fehlinvestiert zu haben. Meine einzige kleine Genugtuung war, dass die Maus natürlich problemlos funktionierte, und dass nun hoffentlich jemand sympathischeres seine Freude an dem Gerät haben würde.

Kleinanzeigen – eine Welt mit eigenen Regeln

Einen Wiederverwender für ältere Geräte mit geringem Wert zu finden ist nicht einfach. Man wird zwar bei Ebay fast alles los, jedoch ist dies immer mit wesentlichem Mehraufwand für Angebotserstellung und Versand verbunden. Für mich kam diese Plattform daher meist nicht in Frage. Kostenlose Kleinanzeigen hingegen bedeuten wesentlich weniger Aufwand und bieten den Vorteil, dass die potentielle Kundschaft bei einem zu Hause aufschlagen kann. Die Kontaktaufnahme gestaltet sich dabei oftmals kurios, was oft am minimalistischen Stil der Anfragen liegt. Eine Anrede oder Schlussformel scheinen grundsätzlich überflüssig zu sein. Auch kann die Anfrage durchaus aus Satzfragmenten bestehen. Manchmal besteht der Mailtext nur aus der Aufforderung „Anrufen: (…)“ oder dem Betrag des Gegenangebots. Doch die meisten dieser sparsamen Konversationen führen anschließend zu interessanten Begegnungen und zu dem ein oder anderen netten Gespräch.

Ökonomie versus Ökologie

Wer behauptet das Verkaufen seiner alten, aber noch guten Sachen wäre ein schlechtes Geschäft, der hat wahrscheinlich meistens recht. Wenn man den Aufwand für das Photographieren der Sachen, das Einstellen auf der Kleinanzeigen-Plattform, die Geschäftsanbahnung, den Verkauf und ggf. freiwillige Zusatzservices (siehe oben) addiert, so kommt man im Schnitt selten auf einen vernünftigen Stundenlohn. Aber das ist der falsche Denkansatz. Man sollte daran denken, dass man jemandem eine Freude machen und gleichzeitig eine Menge Umweltbelastung vermeiden kann. Und, mal abgesehen von der nun vor Altruismus schwellenden Brust, ist es nicht ein hervorragendes Gefühl sein Leben etwas zu entrümpeln?

Und auch wenn das Verkaufen und Verschenken mal zu anstrengenden, frustrierenden oder seltsamen Begegnungen führt, im Zweifel hat man dafür anschließend eine gute Geschichte zu erzählen.

Zugfahrt des Grauens

Ich muss zugeben, eigentlich ist es schon fast zu leicht sich über die Bahn lustig zu machen. Ja, die Züge haben oft Verspätung. Ja, die Bahn ist bürokratisch und ineffizient. Ja, viele Bahnmitarbeiter kennen den Begriff „Service“ nur vom Hörensagen. Und jetzt auch noch ausfallende Klimaanlagen in den ICE’s…

Nichtsdestoweniger muss man zugeben, dass man besonders auf weiten Strecken kaum günstiger – Bahn Card vorausgesetzt – und stressfreier an sein Ziel kommen kann. Ebenso komfortabel ist die Buchung eines Tickets online. Unfassbar, dass man dafür früher anstehen musste…

Aber zurück zum eigentlichen Thema. In 95% der Fälle kommt man mit der Bahn zuverlässig an sein Ziel, nicht unbedingt immer pünktlich, aber immerhin ans Ziel. Doch dann gibt es noch diese bestimmten, grauenhaften Tage an denen man sich wünscht, doch lieber zu Hause geblieben zu sein. Dieser Tag war für mich vorgestern.

Wie in jedem guten Horrorstreifen beginnt alles ganz harmlos. Beschwingt steige ich abends in den ICE in Hannover Richtung München. Finde gleich mehrere freie Plätze, lasse mich auf die Polster fallen und genieße die Fahrt. Leider dauert diese nicht ganz so lange wie erhofft: Nach 5 Minuten steht der Zug wieder.

Noch denke ich mir nichts böses. Von den Klimaanlagenausfällen habe ich gehört und bin deshalb mit ausreichend Erfrischungsgetränken ausgestattet. Überhaupt steige ich grundsätzlich in keinen ICE mehr ohne vorher eine Flasche Wasser mitzunehmen, seit ich neulich auf der fünfstündigen Heimfahrt kurz vor der Dehydrierung stand, weil im Bord Bistro das Wasser ausgegangen war.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen: „Verehrte Fahrgäste, uns ist leider der Lokführer abhanden gekommen. Es wird voraussichtlich ca. 60 Minuten dauern, bis der Ersatz eingetroffen ist.“ Verdutzt schaue ich mich um. In meinen Augen ist eine Mischung aus Verwunderung und Unwohlsein zu lesen. Die anderen Fahrgästen sind seltsamerweise völlig ungerührt. Nur eine ältere Dame, deren Blick ich streife, ringt sich zu einem „Irgendwas is ja immer…“ durch.

In meinem individuellen Horrorfilm bin ich anscheinend die Figur, die die Gefahr wittert und anschließend alle Anderen mit seiner Paranoia verrückt macht. Macht sich den keiner Gedanken darüber, dass unser Lokführer anscheinend gerade die Fliege gemacht hat? In meinem Kopf sehe ich unwillkürlich einen panischen Bahnangestellten vor mir, der mit wirrem Blick aus dem (mittlerweile ja stehenden) Zug springt und über die Gleise im Gebüsch verschwindet. Was hat ihn dazu bewogen? Ist eine Bombe im Zug?

Nervös rutsche ich auf meinem Sitz herum, schon jetzt scheint mein Anschlusszug nicht mehr erreichbar. Schließlich werde ich ungeduldig und trete auf den Gang. Die Leere auf den Gängen erzeugt eine beklemmende Atmosphäre. Um das Klischee zu erfüllen bin ich fast versucht: „Hallo, ist da jemand?“ zu rufen. Da auf den Gängen niemand steht, kann ich ungehindert einige Wagen auf der Suche nach einem Servicemitarbeiter durchqueren. Verdammt, die Kontrollettis sind schwerer zu finden, als Kundenberater bei Media Markt.

Nach 8 Waggons gebe ich auf und greife prophylaktisch zum Handy… Funkloch… Horrorfilm-like eben! Nach endlos-scheinenden 70 Minuten setzt sich der Zug anschließend (offensichtlich mit Lokführer) wieder in Bewegung. Endlich habe ich wieder Empfang und nerve den nächstbesten Angestellten der Bahnhotline mit meiner Befürchtung in Würzburg nicht weiter zu kommen, da mein Anschlusszug bestimmt keine Stunde auf mich warten wird. Ich könne mit dem Taxi weiterfahren, erwidert er, allerdings liege die Erstattungsgrenze bei 80 EUR. Ich kann mir ein abfälliges Lachen kaum verkneifen. Diese letzten 130 km werde ich selbst mit meinem flohmarkterprobten Verhandlungsgeschick kaum für 80 EUR überbrücken. Schon leicht genervt, bedanke ich mich und beende das Gespräch.

Um meiner Rolle als Nervenbündel angemessen nachzukommen, springe ich natürlich dem nächsten aus seinem Versteck gekrochenen Service-Mitarbeiter entgegen. Nach dem ersten Schock beruhigt dieser sich und dann mich, dass ich nicht in der fränkischen Pampa stecken bleiben werde, sondern in Kassel auf einen anderen ICE Richtung Stuttgart umsteigen kann.

Welch ein Glück! Das ist der Teil des Films, an dem noch alles gut werden könnte, die Protagonisten jedoch lieber den kürzeren Pfad durch den dunklen Wald nehmen anstatt an der sicheren Straße entlang zu wandern… Also steige ich in Kassel aus und warte auf den versprochenen ICE. 30 Minuten Wartezeit! Na toll!

Als ich endlich im ICE Richtung Stuttgart sitze, fallen mir schon die Augen zu. „Hier noch jemand zugestiegen?“. Ich tue so, als würde ich schon schlafen… „Fahrkarten, bitte!“. Pause. Es nützt nichts. Ich öffne die Augen, krame meine Fahrkarte heraus und grinse „Hanniball Lector“-mäßig freundlich. Der Kontrolleur versteht mein übertriebenes Lächeln falsch und weist mich darauf hin, dass ich im falschen Zug sitze. Ich murmele nur irgendwas mit „Verspätung“, woraufhin der Kontrolleur emotionslos zum nächsten Abteil trottet.

Am liebsten würde ich schlafen, aber irgendwie bin ich dermaßen genervt von der Situation, dass ich erstmal auf meinem Blackberry checke, ob ich denn von Stuttgart an mein finales Ziel Ludwigsburg gelangen kann. Bingo! Fahrplanmäßige Ankunft meines ICE’s 0:44 in Stuttgart. Um 0:58 fährt die letzte S-Bahn aus Stuttgart nach Ludwigsburg. Alles wird gut!

Doch die Dramaturgie macht mir einen Strich durch die Rechnung: der ICE legt eine annäherungsweise Vollbremsung hin und bleibt stehen. „Aufgrund einer Signalstörung…“. Ich hör schon nicht mehr hin…

Um ca. 1:00 Uhr mache ich mich mal wieder auf die Suche nach Zugpersonal. Ich muss dieses mal 11 Waggons durchqueren, bis ich auf eine ganze Herde stoße. Leider befinden sich diese schon im gefühlten Feierabend und lassen sich bei ihrem angeregten Gespräch nicht stören.

Erst ein übertrieben lautes „Entschuldigen Sie!“ lässt die Herde auseinander gallopieren. Und so frage ich den am wenigsten genervt-wirkenden Zugbegleiter wie ich denn von Stuttgart nach Ludwigsburg gelange. Dieser antwortet sehr freundlich (oder vielleicht habe ich den Sarkasmus in seiner Stimme nur überhört!?), ich könne einfach zum Service Point gehen und mir dort einen Taxischein geben lassen.

Plötzlich wandelt sich meine Stimmung. In meinem Kopf schlendere ich zum Service Point, dann zum Taxistand. Ein freundlicher Taxifahrer verstaut mein Gepäck, während ich es mir auf dem lederbespannten Rücksitz einer Limousine gemütlich mache. Das nächtliche Stuttgart fliegt vorbei und alle Anspannung fällt von mir ab. Ahhhhhh.

1:15: die Tür springt auf, ich schleife meiner Koffer auf den Bahnsteig und nähere mich frohen Mutes der Bahnhofshalle. Endgegner-Zeit! In diesem Teil des Horrorstreifens dreht es sich um den einzig überlebenden Protagonisten, der es geschafft hat aus dem Mutanten-Wald zu entkommen und sich nun in Sicherheit wähnt. Doch was wartet hinter der nächsten Ecke? Ich betrete die Bahnhofshalle. Schock! Vor dem Service Point stehen hunderte Menschen. Mein Ledersitz-Traum von eben zerbricht in tausend Scherben. Ich schaue auf die Uhr. Inzwischen hätte ich schon seit eineinhalb Stunden im Bett liegen können.

Mit schweren Schritten stelle ich mich widerwillig an die Monster-Schlange an. Ich fange ein Gespräch mit dem Schwaben neben mir an. Er versucht mich aufzumuntern. „Jetzt sind wir ‚On Line‘ „. Netter Versuch. Redlich kämpfen sich die beiden Schaltermännchen ab, um der Lage Herr zu werden. Leider scheinen sie nichtsdestoweniger den üblichen bürokratischen Prozess einhalten zu wollen. In der ferne kann ich erkennen, dass meine Leidensgenossen Formulare ausfüllen müssen. Ich spiele mit dem Gedanken einfach ein Taxi zu nehmen und anschließend eine Rückerstattung bei der Bahn zu beantragen. Schnell verwerfe ich den Gedanken wieder. Alles ist mir lieber als die Bürokratie-Hölle der deutschen Bahn. Nach einer halben Stunde kommt endlich etwas Bewegung in die Schlange. Die Bahner sind dazu übergegangen die Fahrgäste nach den jeweiligen Reisezielen auf die Taxis aufzuteilen.

Gute Idee. Aber musste das so lange dauern? Hoffnung keimt auf. Nach einer weiteren dreiviertel Stunde: „Ludwigsburg, wer muss nach Ludwigsburg?“ Etwas benommen stolpere ich los, verabschiede mich von dem Schwaben, wünsche ihm viel Glück. Auf dem Parkplatz stehen insgesamt 30 Taxis. Anscheinend haben sich die  Taxifahrer aus dem gesamten Landkreis hier versammelt. Wäre die Bahn beim Ausstellen der Taxischeine nur halb so flexibel, wie die Taxifahrer, die sich hier die Nacht um die Ohren schlagen, meine Leidensgenossen und ich wären schon längst im Bett.

Um 2.45 Uhr flutsche ich aus dem überfüllten Taxi. Läute die Nachtglocke meines Hotels. Der Hoteleigentümer öffnet, ich fasele irgendwas mit „Hölle“ und „Bahn“. Mit allerletzten Kräften schließe ich mein Zimmer auf, falle aufs Bett. 36 Grad im Zimmer, donnernde LKW’s vorm offenen Fenster. Alles verschwimmt. Mein letzter Gedanke: Ob ich zurück vielleicht lieber das Flugzeug nehme…!?

Stolz und Vorurteil am linken Rand

Nun ist es amtlich: unser neuer Bundespräsident ist Ober-Strahlemann Christian Wulff. Eigentlich ein bisschen Schade, dass ein solch profilarmer Karriererist demnächst das höchste deutsche Amt übernimmt. Denn es hätte auch anders kommen können.

Gegen Wulff traten gleich zwei geeignete Kandidaten an: Joachim Gauck und Luc Jochimsen. Beide Kandidaten hatten eine beeindruckende Biographie vorzuweisen. Gauck, der als Bürgerrechtler zu Zeiten der DDR aktiv war und nach der Wende die Aufarbeitung der Stasiunterlagen leitete, präsentiert sich recht glaubwürdig als Verfechter von Freiheit und Demokratie. Ebenso spricht für Gauck, dass er keiner Partei angehört und somit außerhalb des operativen Politzirkus steht.

Die Kandidatin der Linken Luc Jochimsen – leider von Beginn an chancenlos – hätte ebenfalls das Zeug für das Bundespräsidentenamt gehabt. Die promovierte Soziologin und Politikwissenschaftlerin war in ihrem Berufsleben schwerpunktmäßig als Journalistin im politischen Umfeld tätig, u.a. als Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks. Auf der politischen Bühne tauchte sie zuerst 2002 als Spitzenkandidatin der PDS auf und zog 2005 in den Bundestag ein. Sympathisch wurde Jochimsen insbesondere durch ihre Forderung nach mehr direkter Demokratie. Konsequenterweise sprach sie sich in diesem Zusammenhang auch für die Direktwahl des Bundespräsidenten aus.

Leider zeigte sich Jochimsen im Vorfeld der Wahl schon „Linke“-typisch angriffslustig und wenig kompromissbereit. So prognostizierte sie schon vor der Wahl: „Gauck und Wulff sind für die Linke nicht wählbar. Das würde sich in einem dritten Wahlgang nicht plötzlich ändern.“

Schade eigentlich. Am gestrigen Tag hatte die Linke die Chance ihr Image insbesondere bei den anderen Parteien aufzupolieren. „Der Linkspartei fehlt die programmatische Verlässlichkeit“ merkte Gauck vor einigen Wochen an. Wer die Verhandlungen von SPD, Grünen und Linke nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen beobachtet hat, dem wird diese Aussage kaum als Übertreibung erscheinen. SPD und Grüne bilden lieber eine Minderheitsregierung anstatt sich mit den Linken einzulassen.

Wie Jochimsen schon prophezeit hatte stimmten die Linken auch im dritten Wahlgang der Bundespräsidentenwahl (in dem Jochimsen schon nicht mehr zur Wahl stand) nicht für Gauck. Hätten die Vertreter der Linken geschlossen für Gauck gestimmt, wäre dieser auf die benötigte absolute Mehrheit gekommen. Dadurch hätte die Linke nicht nur demonstriert, dass sie doch kompromissfähig ist, sie hätten auch ihr Image als SED-Nachfolgepartei loswerden können, indem sie einen Stasi-Aufklärer zum Präsidenten gewählt hätten.

Natürlich sind die linken Ressentiments nachvollziehbar: Gauck ist Verteidiger des neoliberalen Wirtschaftens und bezeichnete die Linke bereits als „überflüssig“. Jochimsen konterte darauf: „Gauck ist nicht versöhnlich. Er meint, die Linke sei überflüssig. Warum sollten wir jemanden wählen, der uns für überflüssig hält?“. Ähnlich dürften die meisten „Linke“-Vertreter gedacht haben…

Dass man manchmal für ein höheres Ziel – in diesem Fall einen anständigen Bundespräsidenten zu wählen – über seinen eigenen Schatten springen muss, das hat die Linke wohl (noch) nicht begriffen. Der Zyniker in mir kann dem ganzen noch etwas Positives abringen: immerhin ist uns Von der Leyen erspart geblieben…

Das Ende einer Ära (hoffentlich)

Bislang taten sich die großen Industriestaaten schwer darin die richtigen Konsequenzen aus der Finanzkrise zu ziehen. Ich hatte schon befürchtet, dass mit der allmählichen Gesundung der Realwirtschaft naiv zum „business as usual“  in der Bankenwelt zurückgekehrt werden würde.

Als Bremser stachen bei der Suche nach geeigneten Maßnahmen zur Regulierung der Finanzmärkte  vor allem die Briten hervor. Ihnen ging es vor allem darum die eigene Wirtschaft zu schützen. Der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes macht in Großbritannien nur noch knapp unter 12 % aus und reduziert sich weiter von Jahr zu Jahr.
Wohingegen der „Finance & Business“ Sektor inzwischen mehr als doppelt so viele Beschäftigte (6,4 Mio) aufweist wie das verarbeitende Gewerbe (2,8 Mio). Kein Wunder, dass sich ein Land mit einem Handelsbilanzdefizit von fast 40 Mrd. Dollar an die Finanzwirtschaft als letzten Strohhalm klammert.

Doch auch die Deutschen haben sich mit ihrem Elan nicht mit Ruhm bekleckert. Warum eigentlich? Die deutsche Wirtschaft – weil so sehr abhängig vom Export – wurde von der Krise härter getroffen als die der meisten anderen Industriestaaten. Glücklicherweise spiegelte dieses sich nicht so sehr in der Arbeitslosenstatistik wieder. Vielleicht auch wegen der ausbleibenden Arbeitsmarktkrise schien Angela Merkel für den Vorschlag der Transaktionssteuer nicht mit der notwendigen Leidenschaft zu werben. Traurig auch, dass sie auf die Einführung dieser Steuer auf globaler Ebene bestand, wo doch Studien belegten, dass ein solche Steuer auch Deutschland- oder EU-weit seine Wirkung nicht verfehlen würde.  Vielleicht nahmen aber auch die Banken der Regierung den Wind aus den Segeln indem sie anboten sich freiwillig strengeren Kontrollen zu unterziehen und für bessere Eigenkapitalunterfütterung zu sorgen. Oder vielleicht schwelgen die Schwarz-Gelben noch in der Hoffnung allein durch strengere Kontrolle von Gehaltszahlungen für Top-Verdiener der Börsenzockerei Einhalt zu gebieten wäre.

Doch nach all diesen Mini-Maßnahmen folgte nun ein echter Paukenschlag! Unerwarteterweise von der anderen Seite des großen Teichs: Obama fordert die Trennung des spekulativen Investmentgeschäfts vom traditionellen Bankgeschäft. Als ich das gelesen habe hat es mich fast von den Socken gehauen. Banken sollen also wieder so herrlich bieder und langweilig werden, wie sie einst waren. Sie sollen sich wieder um ihre längst vergessenen Kernaufgaben kümmern: die Einlagen von Kunden verwalten und Kredite vergeben. Der Plan sieht so aus: Die klassischen Banken dürften keinerlei spekulative Geschäfte mehr auf eigene Rechnung betreiben (Eigenhandel). Dafür erhalten diese Institute im Krisenfall Zugriff auf Hilfsgelder der Notenbanken. Die „Zockerbanken“ hingegen würden in der nächsten Krise einfach untergehen. Ein wirklich gutes Konzept, das Spielernaturen ihrer eigenen Verantwortung überlässt. Man sollte sich zwar nicht zu früh freuen, da das Gesetz noch durch den Kongress muss, aber ich bin optimistisch und vertraue auf den gesunden Menschenverstand der Demokraten.

Aber warum kommt der Vorschlag gerade jetzt? Es könnte zum einen daran liegen, dass die Geldschwemme der US-Notenbank – eigentlich gedacht zur Stützung der Realwirtschaft – zu großen Teilen in spekulative Finanzprodukte geflossen ist. Die Spitze des Eisbergs war erreicht als mehrere Banken sich dieses Geld liehen und dafür amerikanische Staatsanleihen kauften – und dafür Margen in Milliarden-Höhe kassierten. Mal ganz davon abgesehen, dass für 1999, dem Jahr der Krise, Boni in Rekordhöhe von 145 Milliarden Dollar an US-Banker gezahlt wurden.

Die späte Einsicht, dass eine drastische Veränderung von Nöten ist, hat viel mit der Unzufriedenheit der amerikanischen Bevölkerung zu tun und den momentan katastrophalen Verhältnissen am US-Arbeitsmarkt. 38 Mio Amerikaner beziehen momentan Lebensmittelmarken, 20 %  sind arbeitslos oder unterbeschäftigt, unter den schwarzen, männlichen Jugendlichen hat sogar jeder Dritte keinen Job. Im Gegensatz zur sozialen Marktwirtschaft in Deutschland schlug die Krise im liberaleren Markt der USA ungepuffert bis auf die Arbeitnehmer – insbesondere auf das Prekariat – durch.

Vor allem aber können sich die USA in den nächsten Jahrzehnten keine weitere Krise solchen Ausmaßes leisten. Die Neuverschuldung betrug 1999 stattliche 11,3 % des Bruttoinlandsprodukts (zum Vergleich: Deutschland liegt bei 3,2 %). Insgesamt haben die Amerikaner einen Schuldenberg von über 12 Billionen Dollar angehäuft.

Manchmal braucht es anscheinend nur genug Leidensdruck, um der Vernunft eine Chance zu geben…

Wo Jugendschutz draufsteht ist meistens Zensur drin…

Am kommenden Mittwoch findet eine Anhörung zum „Entwurf zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV)“ statt. Dieser Entwurf enthält Bestimmungen, die einfach unfassbar sind:

  • Es werden sowohl Internet-Zugangs-Anbieter (Access-Provider, ISP) als auch Anbieter von Webspace (Hosting-Provider) mit den eigentlichen Inhalte-Anbietern gleich gesetzt. Sie werden als „Anbieter“ bezeichnet. Sie alle sind für die Inhalte ihrer Kunden verantwortlich.
  • Access-Provider werden verpflichtet, ausländische Webseiten zu blockieren, die sich nicht an die in Deutschland geltenden Jugendschutzbestimmungen halten. Es muss also eine weitaus umfangreichere Internet-Zensur-Infrastruktur aufgebaut werden, als dies Ursula von der Leyen im Wahlkampf vorgesehen hat.
  • Wenn auf einer Webseite die Nutzer Inhalte erstellen können (also zum Beispiel Kommentare in Blogs), dann muss der Betreiber der Plattform (also zum Beispiel der Blogger) nachweisen (!), dass er zeitnah Inhalte entfernt, „die geeignet sind, die Entwicklung von jüngeren Personen zu beeinträchtigen“. Ausnahmen sind keine vorgesehen.
  • Generell werden alle Inhalte in Kategorien eingeteilt: ab 0 Jahre, ab 6 Jahre, ab 12 Jahre, ab 16 Jahre, ab 18 Jahre.
  • Alle „Anbieter“ müssen sicherstellen, dass Kinder der entsprechenden Altersstufe jeweils ungeeignete Inhalte nicht wahrnehmen. Dafür sind mehrere (alternative) Maßnahmen vorgesehen:
  1. Es wird ein von der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) zugelassenes Altersverifikationsverfahren genutzt.
  2. Inhalte werden nur zu bestimmten Uhrzeiten angeboten. (beispielsweise nur zwischen 22 und 6 Uhr, wenn ab 16 Jahre)
  3. Alle Inhalte werden mit einer entsprechenden Altersfreigabe gekennzeichnet.
  • Die bestehenden Regelungen bezüglich schwer jugendgefährdenden Inhalten (das betrifft u.a. Hardcore-Pornographie usw.) bleiben natürlich in Kraft.

Besonders abwegig finde ich, dass ISP nun als Anbieter der Inhalte gelten. Das ist in etwa so, als würde ich mich bei Telekom beschweren, dass meine Telefongespräche nicht jugenfrei wären.

Auch die Forderung ausländische Webseiten zu blockieren, die nicht die in Deutschland geltenden Jugendschutzbestimmungen einhalten kann wohl überhaupt nicht ernst genommen werden. Goodbye Internet, we’ll miss you.

Wiedereinmal ein perfider Versuch der Internetzensur unter dem Deckmantel des Jugendschutzes!

Die Festung Europa

Fabrizio Gatti, ein Journalist aus Italien, wagte vor einigen Monaten ein interessantes Experiment: Er stellte sich der Reise von Senegal nach Italien; und zwar als illegaler Einwanderer. Über seine Erfahrungen verfasste er ein Buch mit dem Titel: Bilal – Als Illegaler nach Europa. Sein Erfahrungsbericht ist erschreckend. Als er völlig ausgezehrt, „unterkühlt und ausgetrocknet“ nach tagelanger Seereise auf einem überfüllten Frachter an der italienischen Küste aufgegriffen wurde, erwartete ihn das sogenannte Übergangslager Lampedusa. Er berichtet von einem „riesigen Käfig“, von „einem See aus Fäkalien“ in den er sich setzten musste, und von Schlägen. Man sollte glauben, dass in einem demokratischen Europa die Genfer Konvention auch für Einwanderer als Minimalkonsens Anwendung finden sollte. Mit dieser Perspektive muss sich der aufgeklärte Europäer fragen, ob wir nicht ein eigenes Guantanamo vor der Tür haben. Die illegale Einwanderung (schon dieser Ausdruck klingt für mich falsch) gehört in unserer Medienlandschaft leider zu den unbequemen Themen denen höchstselten genug Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ich denke hierbei immer an einen Song von ZSK: „Und der Aufschrei der Betroffenheit, weicht schon morgen der Zufriedenheit, während wir uns in leere Worte betten, werden die Flüchtlinge im Stacheldraht verrecken“.

Guttenberg in der (Kredit-)Klemme

Er erstaunt mich in letzter Zeit immer wieder: Karl Theodor zu Guttenberg. Seines Zeichens Bundeswirtschaftsminister, sieht er mit seinem dunklen, eng geschnittenen Anzug und den mit reichlich Wet-Gel zurück gestylten Haaren aus wie das neue Feindbild jedes Kapitalismuskritikers: der Banker.
Und da wären wir auch schon beim Thema: Keine Branche beschäftigt das Wirtschaftsministerium dieser Tage mehr als die Banken, die uns diese delikate Krisensuppe auslöffeln lassen, die sie uns eingebrockt haben. Das neuste Sorgenkind der Krise sind insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen, die wohlmöglich in den nächsten Monaten nur unzureichend mit Krediten versorgt werden können. Und warum? Nicht weil die Banken nicht in der Lage wären entsprechende Kredite zu gewähren, allein der Wille fehlt .

Da fasst sich doch jeder normal denkende Mensch an den Kopf und grübelt: Wofür haben wir (= die Steuerzahler) den maroden Finanzsektor teuer saniert? Mit Sicherheit nicht dafür, dass Banken weiterhin mit dubiosen Finanzprodukten zocken, anstatt Kredite an notleidende Unternehmen zu geben. Da bleibt unseren regierenden Genialisten (mal wieder) nur der Kniefall mit der Bitte doch an den sozialen Frieden zu denken.

Zurück zu unserem Protagonisten: Karl Theodor zu Guttenberg. Wie in letzter Zeit des Öfteren verblüfft er mich mit seinem Durchblick. Der Mann erkennt (im Gegensatz zu vielen Anderen) die Probleme, die sich im wirtschaflichen Kosmos der Bundesrepublik ergeben. So erkannte er nun auch die kommende Kreditklemme. Nur leider folgen aus Guttenbergs Diagnosen niemals die richtigen Schlüsse. Jedem, der seinen Lebenslauf unter die Lupe nimmt, wird klar werden, dass Guttenberg ein leidenschaflicher Befürworter des ungezügelten Neoliberalisismus ist. In einem Interview zur Amtseinführung hehauptete er es gäbe in Deutschland eine „Umverteilungsgerechtigkeit“, keine „Leistungsgerechtigkeit“. Bei einem solchen Statement geht mir der Hut hoch.

Herr Guttenberg genoss ein Studium der Rechts- und Politikwissenschaften in München. Wer München und die dortigen Wohn- und Lebenshaltungskosten kennt, der wird zu der Vermutung kommen, dass Herr Guttenberg dieses Studium wohl kaum selbst finanziert hat, sondern dieses mit Sicherheit von seiner millionenschweren Familie finanziert worden ist. Guttenbergs „Leistungsmaxime“ gilt wohl auch generationsübergreifend!
Natürlich hat ein Mann leicht reden über „Gerechtigkeit“, der mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde und sein Arbeitsleben überwiegend der Verwaltung und Vermehrung des Familienvermögens widmete.

Aber ich schweife ab. Als Neoliberaler tritt Gutenberg gegen den Eingriff des Staates in die Wirtschaft ein. Allerdings scheint diese Maxime besonders in den letzten Monaten eine kleine Fussnote bekommen zu haben, die besagt: „Der Staat darf in einer Notsituation eingreifen.„. Frei nach Marx: „Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert“.

Im Falle der Kreditklemme heisst das: die staatliche KfW-Bank nimmt ein Darlehen von 10 Mrd. Euro auf und verteilt dies dann an private Kreditinstitute, die dieses Geld anschließend einzelnen Unternehmen des Mittelstands zur Verfügung stellen sollen. So weit so gut… aber was ist mit den Ausfallrisiken? Ganze zehn Prozent sollen die Privatbanken selbst tragen, den Rest trägt der Bund. Der Staat übernimmt somit im Grunde die Rolle der Bank. Für mich ein klares Zeichen, dass der gute Herr Gutenberg sich nicht sicher ist, „ob die Banker ihren Job derzeit richtig machen oder nicht„.

So, einmal tief durchatmen… Banken erfüllen in Ihrem Streben nach kurzfristiger Gewinnmaximierung ihre Rolle in unserer Wirtschaft nicht. Was tut die Regierung? Sie wirft ihnen günstiges Geld über den Zaun und nimmt ihnen dann noch das nahezu komplette Ausfall-Risiko ab. Wenn das mal nicht ein eindrucksvolles Plaidoyer für die Verstaatlichung des Bankwesens ist…

Wenn Demokratie die Herrschaft des Volkes ist, was haben wir dann?

Wenn die Staatsoberhäupter der „freien“ Welt, wie Merkel, Brown oder Obama mit Stolz geschwellter Brust die Demokratie preisen, dann muss ich zwangsläufig schmunzeln. Für mich ist der Begriff Demokratie inzwischen ausgelutscht und hohl. Dabei denke ich mir oft man sollte sich auf die ursprüngliche Definition, wie sie sich z.B. in der Weimarer Republik manifestierte, zurückbesinnen und sich fragen: Leben wir in einer Demokratie in diesem Sinne?

Warum ist es eigentlich so, dass die Regierung gegen den Willen des Volkes und gegen das öffentliche Interesse Entscheidungen trifft und Gesetzte verabschiedet. Seien es Schäubles grundrechtgefährdende Sicherheitsgesetze zur Vorratsdatenspeicherung oder die nächste Mehrwertsteuererhöhung, es passiert immer wieder. Und dann gibt es noch diese perfiden Täuschungsmanöver, wie z.B. Internetsperren, die vordergründig die Verbreitung von Kinderpornographie verhindern sollen, jedoch tatsächlich einen neue Ära der staatliche Internetzensur und -kontrolle einleuten. Selbst eine 130.000 Unterschriften starke Petition scheint die Politkaste nicht von diesem Vorhaben abbringen zu können. Doch das ist nicht die Spitze des Eisbergs.
Sehr deutlich wurde mir vor einigen Tagen ein weiterer Aspekt, der unsere Demokratie davon abhält demokratisch zu sein: Die Machtlosigkeit unserer Regierung!

Da bezahlt die Solidargemeinschaft Deutschland Milliarden an Banken um die Finanzmärkte zu stabilisieren und ermahnt sie sich zukünftig verantwortungsbewusster zu verhalten. Wenige Monate später dürfen wir erfahren, was mit unserem Geld passiert ist: Grosse Teile werden in Manager-Gehälter, Manager-Boni / Manager-Prämien „investiert“ . Auch die viel propagierte 500.000€-Grenze für Manager-Gehälter von unterstützten Banken scheint ins Leere zu laufen.

Verwunderlicherweise denkt selbst unser Wirtschaftsminister Herr von und zu Guttenberg trotz ausgeprägter Sozialismus-Phobie laut über die Zwangsverwaltung unterstützter Banken nach. Man kommt diese Tage nicht mehr aus dem Staunen… Selbst die kapitalismus-gläubigen Amerikaner haben von den gierigen Bankern die Schnauze voll.

Kaum jemand wird bezweifeln, dass Banken eine Menge Einfluss auf die Wirtschaft und somit auf unser tägliches Leben haben. Bei der Verantwortung, die diese Institutionen in unserer Gesellschaft tragen, finde ich es geradezu untragbar, dass Banken Milliardengewinne erwirtschaften. Wozu kurzfristiger Gewinndruck führt konnten wir in den letzten Monaten eindrucksvoll am eigenen Leib erfahren…
Statt die Finanzmärkte zu regeln überlässt es die Regierung offenbar den Bankern verantwortungsbewusst zu handeln und damit den sozialen Frieden zu erhalten, obwohl tägliche Meldungen zu beweisen scheinen, dass sie keinen Funken Anstand besitzen.Bei den Maßnahmen der Regierung gegen die Wirtschaftskrise ging es um reine Symptombekämpfung. Keine Regierung stellte das System in Frage, um nachhaltige Lösungen zu finden.

Wer wundert sich dann noch, wenn in Berlin Autos in Flammen aufgehen? Ich nicht! Umso schlimmer finde ich die Diskussion, wie mit den „Tätern“ umgegangen werden soll. Kein Mensch scheint sich für die Motive dieser Menschen zu interessieren. Stattdessen wird mit übertriebener Härte vorgegangen, wie der Fall von Alexandra R. zeigt, die seit Mitte Mai in U-Haft festgehalten wird.
Wenn ich so über die vergangenen Monate sinniere, dann sehe ich einen Staat, der auf der einen Seite ein korruptes System stützt und auf der anderen Seite jedwede Form sozialer Unruhen oder Aufbegehren mit ganzer Kraft unterdrückt.

Wenn durch den Einsatz des staatlichen Internetfilters demnächst unbequeme, nonkonforme Blogs aus dem Internet verschwinden, wissen wir was die Stunde geschlagen hat…

Tankman

Als ich heute morgen im Frühstücksraum meines Hotels ein Exemplar einer großen deutschen Tageszeitung in die Hände nahm, fiel mir sofort ein Bild ins Auge: Der „Tankman„.

Dieses Bild, am 5.Juni 1989 geschossen, zeigt einen etwa 20-jährigen jungen Mann auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, der drei, in Kolonne fahrende Panzer an der Weiterfahrt hindert. Hintergund dieser Szene waren Studentenaufstände in der Hauptstadt, die kurz zuvor blutig durch chinesische Regierungstruppen niedergeschlagen worden waren. Dieses bis heute beispiellose Massaker kostete 3.000 Menschen das Leben.

Doch wie von diesen Ereignissen unbeeindruckt stellt sich dieser junge Mann den Panzern in den Weg. Glücklicherweise zerren ihn einige beistehende Demonstranten nach einigen Minuten von der Strasse, so dass der Tankman nie gefasst wird. Diese Szene verdeutlicht für mich eindrucksvoll die Macht des gewaltlosen Widerstands. Die Symbolkraft dieser Szene ist ohne Gleichen und sollte uns jeden Tag daran erinnern für unsere Ideale einzustehen. Besonders in den heutigen Zeiten, in denen soziale Ungerechtigkeit, Armut und ein zutiefst unmoralisches Wirtschaftssystem unsereren Gerechtigkeitssinn auf die Probe stellen. Es ist ein Apell an alle, die „Da kann man eh nichts machen“ auf der Stirn tragen. Der bis heute anonyme Tankman hat uns gezeigt, dass ein Mensch die Welt verändern kann.