Teil 2

„Wenn es keinen Gott gäbe, so müsste man ihn erfinden“ – Voltaire

„Sehr verehrte Damen und Herren. Ich wende mich heute, in meiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Renk GmbH, und auch als ein mitfühlender Mensch persönlich an Sie. Viele Menschen sind auf Phobos gestorben, und im Gedenken an sie bitte ich um eine Gedenkminute. … Auch den Angehörigen der vielen Opfer möchte ich mein Beileid, unser aller Beileid, das Beileid eines ganzen Sonnensystems aussprechen.
Wie Sie sicher gehört haben, wurde als Grund für die schreckliche Katastrophe ein namloser Asteroid bekannt. Dies ist jedoch nur die halbe Wahrheit: Einige von ihnen konnten eine Explosion auf Phobos beobachten. Nun, unsere Wissenschaftler sind selbstverständlich diesen Berichten nachgegangen. Sie sind zu einer erschreckenden Erkenntnis gekommen: Die Explosion muss von einem fremden Flugkörper verursacht worden sein, der um 3:42 Uhr auf Phobos eingeschlagen sein muss. Die Art der Explosion lässt darauf schließen, dass keine der bekannten Randgruppen für diese Explosion verantwortlich sein kann, der verwendete Sprengstoff ist selbst den renommiertesten Wissenschaftlern gänzlich unbekannt.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, unsere Wissenschaftler konnten nur eine Erklärung für die Ereignisse finden. Wir wurden von einer außerirdischen Macht angegriffen. Die Wehrlosigkeit unserer neusten Kolonie wurde schamlos für einen hinterhältigen Angriff ausgenutzt. Momentan besteht unser einziger Schutz vor weiteren Angriffen in den Fremdkörper – Abwehrschilden, die die Renk GmbH auf jedem Planeten des Sonnensystems installiert hat. Dennoch wissen wir nicht, wie lange diese Schilde einem stärkeren Angriff standhalten könnten.
Wir würden uns zwar glücklich schätzen, unser aller Planeten aktiv verteidigen zu können, doch der Sojus-Pakt verbietet jede Art von bewaffneten Schiffen oder deren Produktion. Versuche, eine Ausnahmeregelung zu erreichen oder den Pakt aufzuheben, scheiterten an der Sturheit der Koalition. Ihre Regierung erkennt das Dilemma nicht, in dem wir stecken. Darum habe ich heute beschlossen, zusammen mit einem ausgewählten Beraterkreis bei der anstehenden Wahl zu kandidieren. Ich bitte Sie, uns zu helfen, Ihnen zu helfen. Wir können Sie vor weiteren Angriffen verteidigen. Sie müssen uns dafür nur die Waffe geben. Stimmen Sie für uns bei der morgigen Wahl, damit wir allen ein friedliches Leben ermöglichen können, frei von Angst vor weiteren Angriffen. Stimmen Sie für die Renk Partei! Sichern Sie das Überleben der Menschheit! Sichern Sie Ihre Zukunft!“

Betrachtete ein normaler Mensch den Menschenauflauf vor dem Weltparlament, bei dem Unmengen von Demonstranten sich mit Politikern vereinigt hatten und gemeinsam gegen eine drohende Herrschaft von Erebo Renk protestierten, gewann er ziemlich sicher den Eindruck, dass nach einer solch eindrucksvollen Versammlung niemand mehr auch nur auf die Idee käme, ernsthaft diesen „gefährlichen Mann“ zu wählen. Erebo sah das jedoch anders. Sein Auge hielt nur nach echten Gefahren Ausschau. Jeder Aufstand, so wusste Erebo, hatte eine Grenze; wenn niemand von ihm hörte, hatte er auch nie statt gefunden. Das Weltparlament lag – teils auf Grund der Sorge der Politiker vor terroristischen Anschlägen – deutlich ab vom Schuss, in einem Umkreis von 30 Kilometern existierte lediglich ein kleines Fischerdörfchen. Erebo schwenkte seinen Blick, als ihm etwas entgegenfunkelte, doch es hatte sich wohl nur um eine Reflektion der Sonne am Spiegel eines Politikers gehandelt. Sein Plan schien funktioniert zu haben, auf dem Kronos – Platz ließ sich kein einziger Reporter ausmachen. Die Augen der Welt waren auf andere Dinge gerichtet, gegenwärtig spielten sie vermutlich Horror – Szenarien ab, die zeigten, wie dreckig es der Menschheit in ihrem jetzigen Zustand bei einer außerirdischen Invasion gehen würde. Mit einem Wink signalisierte er dem Fahrer, zurück zum Firmengebäude zu fahren und lobte sich insgeheim selbst für seine Entscheidung, einen Großteil seines Geldes in Mediengesellschaften zu stecken. Nur wenige Politiker seiner Tage hatten die Macht der Medien erkannt, und kaum einer konnten Gebrauch von ihnen machen. Ein weiterer glücklicher Umstand auf seiner Reise an die Spitze der Macht; nur wenig trennte ihn jetzt noch davon, der Herrscher über das gesamte Sonnensystem zu werden. Dann, wenn diese letzte Hürde genommen war, konnte er endlich einige Umstrukturierungen vornehmen, die alten Formen hatten sich nach den Analysen seiner Berater als so überholt erwiesen wie auch die Demokratie an sich. Egoisten zu sein: So etwas konnte er den Politikern nicht vorwerfen. Selbstverständlich zweifelten sie, waren sie in der Opposition, jede vernünftige Lösung an, solange sie von der Gegenseite kam; es galt schließlich eine Wahl zu gewinnen. Erebo wollte Abhilfe schaffen.

Teil 1

Eine einzelne Träne verließ Marks Auge, bahnte sich ihren Weg vorbei an roten Augenlidern, folgte dem Verlauf der Nase um schließlich in seinem Mund zu enden. Doch war es wirklich eine Träne? Mark konnte nicht mehr unterschieden. Könnte es nicht genauso gut ein Wassertropfen gewesen sein, der in dieser trostlosen Gegend von einer einsamen Regenrinne seinen Weg hinaus aus der Welt sucht? Wenn er genauer darüber nach dachte, interessierte es ihn inzwischen auch nicht mehr. Ein ganzer Regenschauer war vergossen worden, ohne irgendeine Besserung seines Zustandes zu erreichen.

Sein Gegenüber musterte Mark gründlich. Sicher, er war von der Katastrophe betroffen, etwas anderes war auch nicht zu erwarten, doch war er aus den richtigen Motiven gekommen? Wollte er nur Rache, oder steckte der gleiche Wunsch in ihm, wie er in allen Mitgliedern seiner Vereinigung steckte?

„Ich … brauche einfach noch etwas Zeit, um …“

Ja, wozu eigentlich? Zu vergessen? Allein der Gedanke ließ ihn erschaudern. Nein, Mark würde niemals vergessen, was sie seiner Familie angetan hatten. Diese kleinen, süßen, gnubbeligen Ärmchen, die sich nach ihm ausgestreckt hatten; Hände, die fest seine Finger umschlossen; das langsame Krabbeln und die ersten Worte, die so harmonisch geklungen hatten wie keine Symphonie: „Mama“ und „Papa“. Mama. Auch sie fehlte ihm. Jahrelang hatte er gefürchtet, niemals eine Verbindung zu einer Frau aufbauen zu können, die länger als eine Woche währte, und nun war ihm seine Seelenverwandte einfach so aus seinen Armen geglitten; Seelenverwandte, wie lange hatte er mit ihr über ihre Verbindung geredet, bis dieses Wort über ihre wundervollen Lippen geflossen war, Seelenverwandte, ja das waren sie wohl. Von dem, was sein Gegenüber sagte bekam er nur wenig mit.

„…Zeit …das Geschehene … verarbeiten … völlig normal …. Zeit nehmen … reden …“

Reden. Über das Geschehene, seine Gefühle, einfach alles zu reden, sich wieder einer Person zu offenbaren, nein, das konnte er nicht. Doch handeln konnte er. Dazu war er hier. Er unterbrach den Redeschwall seines Gegenübers, nicht etwa aus Unhöflichkeit, nein, es war vielmehr so, als hätte er ihn überhaupt nicht wahrgenommen.

„Was kann ich tun?“

Erneut musterte Eric ihn. Zunächst wirkte er so verschlossen und voll von Schmerz, dass dieser schon fast physisch im Raum stand, kurz darauf war er gefasst und zielorientiert. Sollte sich doch Walter mit ihm herumschlagen, wenn sie ihn nicht aufnahmen, würde er garantiert Amok laufen. Und es gab nichts, was sie im Moment weniger gebrauchen konnten als einen Amokläufer, der den Feind dazu treibt, seine Verteidigung noch weiter zu verstärken. In Walter’s Händen konnte er vielleicht noch ein ausgezeichnetes Werkzeug werden.