Trauerstunde

Zehn Minuten sind wieder vorbei, und der Wecker ruft, er ruft mit der Top-Nachricht des Tages: Thomas Dörflein ist tot. Thomas Dörflein? Wer zum Teufel ist das? Gut, dass das Radio es im zweiten Satz noch dahinter hängt: Thomas Dörflein, der Pfleger von Knut. Schön, wenn man selbst nach seinem Tod auf eine einzige Rolle, auf einen einzigen Aspekt des Lebens reduziert wird. Die scheinheilige Stimme des Radiomoderators kann nicht verbergen, dass dieser Mensch – zusammen mit dem Tier, dass er betreut – medienwirksam ausgenommen wurde. Das hat wohl auch die Redaktion des Radiosenders gemerkt, kurzerhand den Praktikanten in die Fußgängerzone geschickt und wohl willkürlich Menschen gefragt, was sie von dem Tod von Thomas Dörflein, dem Pfleger von Knut, halten. Die Antworten waren nicht sehr erstaunlich: Von „Das ist wirklich traurig“ über „Das ist aber schade“ zu „Der hat sich doch immer so gut um den Knut gekümmert“. So wie das mehrere tausende Tierpfleger in Deutschland täglich tun. Doch haben die Menschen Interesse an derem Schicksal? Nein. Und ich behaupte, ein wirkliches Interesse an Thomas Dörflein gibt es auch nicht. Dennoch wird das Thema ausgeschlachtet, für billige Schlagzeilen; nicht nur die Bild-Zeitung berichtet, sondern auch Blätter wie die FAZ lassen es sich nicht nehmen, auf den Zug aufzuspringen. Dass Dörflein das gewollt hat, wage ich zu bezweifeln.

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