Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft

Die nagelneue, schlank-durchgestylte Kompaktkamera knallt mit voller Wucht auf den Fußboden. Knack! Auf den ersten Blick funktioniert noch alles. Aber was ist das? Das Glasplättchen, das die Linse vor Beschädigungen schützen soll, hat einen Riss. Die Kamera tut nach wie vor ihren Dienst, doch nun zieht sich eine breite milchige Spur durch jedes Foto. Die Nachfrage bei mehreren Fotofachgeschäften ergibt: die Kosten für das Austauschen des kleinen Glasplättchens, das so tapfer Schlimmeres verhindert hat, übersteigen bei Weitem den Anschaffungspreis der Kamera.

Das Konsum-Dilemma

Es ist paradox: Für die Herstellung, Verpackung und Transport dieses kleinen High-Tech-Wunders wurden wertvolle Ressourcen verbraucht, wie Erdöl, Wasser und insbesondere Metalle. Wie in allen Produkten mit Mikroprozessoren wurden hier seltene Erden verwendet, deren Abbau zumeist den Einsatz von Säuren erfordert. Insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent werden durch die Folgen dieses Abbaus Flüsse und ganze Landstriche verseucht. Der sogenannte ökologische Fußabdruck der meisten Elektrogeräte ist verheerend. Ein HP-Drucker etwa verursacht während seiner Produktion so viel CO2 wie 4 Bäume in 70 Jahren absorbieren können. Da wäre es doch naheliegend dafür zu sorgen, das Produkte haltbar und vor allem reparierbar produziert werden. Das Gegenteil ist der Fall. Immer mehr Produkte werden absichtlich so hergestellt, dass sie nach einer Weile kaputt gehen oder sich gar selbst zerstören. Alles im Sinne einer Überflussgesellschaft, die der Wirtschaft durch exzessiven Konsum ewiges Wachstum bescheren soll – auf Kosten der Umwelt.

Bewusstsein

Leider scheint es sich in Deutschland etabliert zu haben, immer alles neu zu kaufen. Kein Wunder: die meisten Waren können bequem von der Couch aus bestellt werden und stehen nach einem Wimpernschlag im Wohnzimmer. Da der erste Reflex fast immer der Neukauf ist, wird auf den Gebrauchtmarkt eher selten zugegriffen, auch wenn dort gute Waren zum Bruchteil des Originalpreises angeboten werden. Weil für die meisten Menschen in Deutschland keine wirtschaftliche Notwendigkeit besteht, entwickelt sich nur langsam ein Bewusstsein für die momentane Verschwendung von Rohstoffen. Aber ein Trend zum verantwortlichen Konsum ist da, das zeigen Organisationen wie z.B. Freecycle, die dafür sorgen, dass gute Sachen nicht auf dem Müll landen.

Gewissensbisse und eine Idee

Als technikbegeisterter Gadget-Sammler kaufe ich Geräte aus so ziemlich jeder Gattung. Vom Smartphone über die Action-Cam bis hin zur SSD-Festplatte ist nichts vor meiner Kreditkarte sicher. Immer mit dabei: das schlechte Gewissen. Um dieses wenigstens etwas zu beruhigen, beschloss ich wenigstens dafür zu sorgen, dass meine nicht mehr genutzten Geräte ein zweites Leben bekamen. Doch damit nicht genug auch die im Keller gelagerten Möbel, CDs und Filme warteten nur auf ihre Reinkarnation. Versüßt wurde das Ganze durch die Aussicht auf einen gewissen Resterlös für den alten Krempel.

Good stuff for free

Los ging es mit einem Wohnzimmertisch, einem Schreibtisch und einem Sofa. Da ein Umzug vor der Tür stand sollten die Sachen möglichst schnell an den Mann gebracht werden, daher sollte der Kaufpreis möglichst kundenfreundlich gestaltet werden. Alle drei Möbelstücke wurden in gutem Zustand für sagenhafte null Euro bei einem bekannten Kleinanzeigenanbieter eingestellt. Als nach Tagen noch kein Interessent gefunden war, riet mir meine Freundin dazu, den Kaufpreis etwas zu erhöhen. Ich wollte beim besten Willen nicht begreifen, wie das helfen sollte, probierte es jedoch aus. Erstaunlicherweise gingen in den folgenden Tagen mehrere Anrufe ein. Besonders anspruchsvolle Kunden wünschten eine kostenlose Sofortlieferung. Diesem Wunsch konnte ich nicht nachkommen, jedoch fand sich tatsächlich ein ernsthafter Interessent für das Sofa. Der potentielle, männliche Käufer vereinbarte einen Termin, erschien dann jedoch unerwartet nicht. Im Laufe des nächsten Tages meldete er sich doch noch, um erneut um einen Termin für den Abend zu bitten. Mit nur einer Stunde Verspätung klingelte anschließend ein hagerer, jedoch brutal aussehender Mann an unserer Tür. Begleitet wurde er von einer etwas untersetzen Frau, deren Gesicht ein knall-grünes Veilchen zierte. Mit kritischem Blick inspizierte er das braune Sitzmöbel. Anscheinend waren die gut ausgeleuchteten 18-Megapixel-Aufnahmen und die Beschreibung in der Anzeige noch nicht aussagekräftig genug gewesen, denn er war nur zur Besichtigung des Sofas gekommen und hatte daher auch nicht das passende Auto für den Transport dabei. Unglaublich: unterm Strich waren also drei Termine notwendig, um ein neu bezogenes Sofa für 10 EUR zu verramschen. Ich habe schon von Immobilienmaklern gehört, die bei Ihren Verkäufen effektiver sind. Der Mann mit dem brutalen Gesicht war begeistert und versprach sich zu melden, wenn er ein ausreichend großes Transportvehikel besorgt hätte. Ich hörte nie wieder von ihm. Dies war die erste von vielen interessanten, skurrilen und ärgerlichen Begegnungen, die ich dem Abenteuer Kleinanzeige zu verdanken habe. Diese endete leider mit drei tadellosen Möbelstücken auf dem Sperrmüll.

Der 24-Stunden-Service

Ein weiteres Highlight ereignete sich erst vor einigen Tagen. Ein Mann namens Ralf (Name von der Redaktion nicht geändert) meldete sich auf eine Kleinanzeige, in der ich meine kaum benutze Bluetooth-Maus inklusive Anleitung für 5 Euro anbot. Der Interessent wollte genau wissen wie alt und in welchem Zustand die Maus war. Bereitwillig beantwortete ich ihm alle Fragen, erklärte ihm sogar die Funktionsweise von Bluetooth, da er durchblicken lies den Unterschied zwischen einer herkömmlichen Funk-Maus und einer Bluetooth-Maus nicht zu kennen. Wir vereinbarten einen Termin. Pünktlich zur vereinbarten Zeit stand nun Ralf – um die 40, Halbglatze, Brille, knapp 2 Meter groß – vor meiner Tür. Gewissenhaft kontrollierte er die Maus auf optische Mängel, drückte mir einen Schein in die Hand und verabschiedete sich. Schon auf der Türschwelle schob er noch nach: „Ich hoffe die Maus funktioniert. Ansonsten kann ich ganz schön unbequem werden“. Bei diesen Worten stellten sich bei mir die Nackenhaare auf. Ein offensichtlicher PC-Anfänger mit einer neuen Hardware-Komponente, die es nun galt einzurichten, das konnte ja nicht gutgehen. Nicht einmal eine halbe Stunde später empfing ich eine Mail in der Ralf mit bereits deutlich gereiztem Unterton erklärte, die Maus ließe sich nicht installieren. Geduldig formulierte ich eine Mail mit Anweisungen wie die Maus zu installieren wäre. Anschließend war Ralf einen Schritt weiter, behauptete jedoch nun die Maus wäre nicht mit Windows 7 kompatibel. Darauf antwortete ich ihm, ich hätte die Maus ausschließlich unter dieser Betriebssystemversion betrieben und gab noch einige Hinweise, was er bei der Installation evtl. vergessen haben könnte. Inzwischen war es nach acht und ich schaltete den PC aus, um mich nun auf dem Sofa der Fussball-EM hinzugeben. Auf dem Weg ins Bett etwa 2 Stunden später warf ich einen Blick auf mein Smartphone: zwei Mails von Ralf. In der Ersten von 20:25 Uhr formulierte er weitere Fragen zur Einrichtung der Maus. In der Zweiten, mit vielen Ausrufezeichen versehenen Mail von 21:36 Uhr empörte sich Ralf über die offensichtliche Beendigung meiner technischen Unterstützung. Seinem Frust verlieh er zudem durch eine Drohung ausdruck. Ich – nun ebenfalls gereizt – antwortete, er könne die Maus gerne zu mir zurückbringen, jedoch würde ich keinerlei weiteren Rund-um-die-Uhr-Gratis-Support leisten. So stand Ralf nun am nächsten Abend wieder vor meiner Haustür. Wortlos tauschten wir Maus gegen Geld. Ich schloss die Tür mit Nachdruck und ärgerte mich insgesamt 1,5 Stunden Zeit fehlinvestiert zu haben. Meine einzige kleine Genugtuung war, dass die Maus natürlich problemlos funktionierte, und dass nun hoffentlich jemand sympathischeres seine Freude an dem Gerät haben würde.

Kleinanzeigen – eine Welt mit eigenen Regeln

Einen Wiederverwender für ältere Geräte mit geringem Wert zu finden ist nicht einfach. Man wird zwar bei Ebay fast alles los, jedoch ist dies immer mit wesentlichem Mehraufwand für Angebotserstellung und Versand verbunden. Für mich kam diese Plattform daher meist nicht in Frage. Kostenlose Kleinanzeigen hingegen bedeuten wesentlich weniger Aufwand und bieten den Vorteil, dass die potentielle Kundschaft bei einem zu Hause aufschlagen kann. Die Kontaktaufnahme gestaltet sich dabei oftmals kurios, was oft am minimalistischen Stil der Anfragen liegt. Eine Anrede oder Schlussformel scheinen grundsätzlich überflüssig zu sein. Auch kann die Anfrage durchaus aus Satzfragmenten bestehen. Manchmal besteht der Mailtext nur aus der Aufforderung „Anrufen: (…)“ oder dem Betrag des Gegenangebots. Doch die meisten dieser sparsamen Konversationen führen anschließend zu interessanten Begegnungen und zu dem ein oder anderen netten Gespräch.

Ökonomie versus Ökologie

Wer behauptet das Verkaufen seiner alten, aber noch guten Sachen wäre ein schlechtes Geschäft, der hat wahrscheinlich meistens recht. Wenn man den Aufwand für das Photographieren der Sachen, das Einstellen auf der Kleinanzeigen-Plattform, die Geschäftsanbahnung, den Verkauf und ggf. freiwillige Zusatzservices (siehe oben) addiert, so kommt man im Schnitt selten auf einen vernünftigen Stundenlohn. Aber das ist der falsche Denkansatz. Man sollte daran denken, dass man jemandem eine Freude machen und gleichzeitig eine Menge Umweltbelastung vermeiden kann. Und, mal abgesehen von der nun vor Altruismus schwellenden Brust, ist es nicht ein hervorragendes Gefühl sein Leben etwas zu entrümpeln?

Und auch wenn das Verkaufen und Verschenken mal zu anstrengenden, frustrierenden oder seltsamen Begegnungen führt, im Zweifel hat man dafür anschließend eine gute Geschichte zu erzählen.

Ein Gedanke zu “Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft

  1. Der Essay weist derartig viele (überwiegend unbestreitbare) Aspekte auf, dass ich mich auf einige wenige beschränken möchte. Die Möglichkeit oder sogar Notwendigkeit, sich von Dingen zu trennen werde ich im Rahmen des Möglichen reduzieren, und zwar weil:
    1. Das Interesse Anderer, denen ich u.U. mit meinem „Sonderangebot“ oder gar Geschenk eine Freude machen kann, sollte nicht überschätzt werden. Gerade im Bereich der IT sind die Artikel aufgrund der kurzen Innovationszyklen sehr schnell veraltet. Second-hand Artikel, die mir Freude bereiten, sind seltener aus dem IT-Bereich als vielmehr aus dem langlebigen Bereich wie z.B. Kleidung.
    2. Man sollte vor dem Kauf überprüfen, welche Artikel man wirklich mittel- bis langfristig benötigt und welche verzichtbar sind, auch wenn man ohne diese Produkte dann vielleicht nicht „in“ ist. Beispiel: Den Tablet-PC, den ich günstig gekauft habe, brauche ich nicht wirklich. Er ist ohne Weiteres durch ein smart phone ersetzbar. (zu schnell gekauft)Ihn second-hand zu vermarkten ist mir eher zu aufwändig (s.Erfahrungen d.Autors), so dass dieser Artikel mittelfristig im Keller und dann auf dem Müll landen wird. Damit trage ich dazu bei, dass
    3. Die IT-Müllhalden z.B. an der Elfenbeinküste schneller wachsen als vermeidbar wäre. Mich machen die Bilder von Kindern wütend, die in diesen z.T. giftigen Müllhalden herumwühlen müssen, um zu überleben. Mein Beitrag zur Vermeidung überflüssigen IT-Mülls wird teilweise Enthaltung, überwiegend aber gemeinschaftliche Nutzung von Produkten sein und die teilweise aufwändige Herstellung von Kompatibilität von älternen mit neuen Produkten, was verhindern kann, dass man jedem neuen Trend hinterher läuft.
    4. Langfristig ist ein staatlicher Eingriff in Form von Gesetzen, die ähnlich wie bei PKWs die Rücknahme und kostenträchtige Entsorgung so unattraktiv macht, dass langlebigere Produkte ohne built-in obsolescence die einzige für Produzenten akzeptable Alternative sind.
    Abschließend möchte ich feststellen, dass fast sämtliche Innovationen aus dem IT-Bereich weniger wirklichen (=mittelfristigen)Fortschritt bringen als vielmehr der Profitmaximierung der Produzenten (z.B. auch durch die künstliche Herstellung von Inkompatibiltäten)dienen und auf diese Weise das kapitalistische Prinzip vorantreiben und „verfeinern“ helfen.

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