Die kluge Maus

Tim war eine kluge Maus. Sie lebte schon lange mit Ihrem Menschen zusammen, manche würden sagen, ihr ganzes erwachsenes Leben. Den größten Teil des Tages lebten die beiden sehr unabhängig voneinander: Der Mensch war immer mit dem Erstellen irgendwelcher Tabellen beschäftigt, ließ Tim aber den Großteil des Tages in Ruhe. So konnte er sich Tag ein, Tag aus, Gedanken über die Welt machen. Tim war kein Freund von Routinen – ihm gefiel es viel mehr, frei zu sein, und unabhängig sein Gehege erkunden zu können. Die einzige Routine, der er sich unterordnete, wenn gleich mit nicht viel Freude, war das tägliche Ritual des gemeinsamen Essens mit seinem Menschen. Jeden Tag, wenn der Mensch aufstand, schaltete er das Licht an und wartete, bis Tim sich an eine bestimmte Stelle in seinem Haus gestellt hatte. Die Maus mochte diesen Ort nicht: Auf dem Boden waren kleine Stacheln, die ihm an seinen empfindlichen Pfoten Schmerzen verursachten, war es sehr zugig, so dass er schnell fror. Nichts desto trotz nahm er diese Unannehmlichkeiten auf sich, denn er wusste, wie viel es dem Menschen bedeutete, da er ihm immer genau an dieser Stelle sein tägliches Frühstück gab – ein köstliches Stück Käse. Dann aßen sie gemeinsam – der Mensch sein Sandwich, Tim seinen Käse – und gingen schließlich wieder ihren jeweiligen Tätigkeiten nach.
So lief es nun schon seit langer Zeit, bis eines Tages schließlich etwas anders war. Tim hatte sich, nachdem das Licht angeschaltet worden war, schon wieder an den üblichen Ort gestellt, doch der Mensch kam nicht. Er rief nach dem Menschen, doch in dem ganzen Haus war weder etwas zu hören noch zu sehen. Die Maus blieb noch eine Weile auf den Stacheln stehen, bis sie sich schließlich wieder auf die Wanderung in der Wohnung machte – immer mit einem unangenehmen Gefühl im Magen, seinen Menschen im Stich gelassen zu haben. Eine lange Zeit später, eine gefühlte Ewigkeit, kam schließlich Leben in die Wohnung. Tim war so sehr in Gedanken, dass er den Menschen erst bemerkte, als dieser ihm sein Stück Käse reichte – ohne dass Tim dafür erst an die unangenehme Stelle gehen musste. Verunsichert blickte Tim den Menschen an. „Willst du denn gar nicht essen?“ fragte dieser ihn. „Aber ich stehe doch gar nicht auf der stacheligen Stelle!“ antwortete Tim. „Wie kommst du denn darauf, dass du für Essen da hin gehen müsstest? Ich freue mich doch einfach so, mit dir gemeinsam zu essen.“ sagte der Mensch darauf. Tim blickte verdutzt drein und fragte sich, was ihn wohl dazu bewogen haben mochte, jeden Tag an dem unangenehmen Ort auf seinen Menschen zu warten.

Ja, was hat die kluge Maus dazu bewogen, Tag für Tag Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen? Es waren wohl die Erwartungen, die sie dachte, erfüllen zu müssen. Das könnte uns natürlich nicht passieren, oder? Wir sind ja schließlich viel klüger, als die Maus. Oder?

Wenn wir darüber nachdenken, gibt es eigentlich gar keinen so großen Unterschied zwischen der Maus und uns, außer vielleicht der Menge der Erwartungen, die wir glauben, erfüllen zu müssen. Das fängt bereits im jungen Alter an: Jedes Kind soll „gut“ mit anderen Kindern umgehen, sonst gilt es als unsozial, oder wird gar verdächtigt, psychisch erkrankt zu sein, unter ADS beispielsweise. Gleichzeitig soll es aber auch gut in der Schule sein, denn sonst lassen sich ja gar nicht die erwarteten Erwartungen (!) erfüllen, die an das Kind später mal im Erwachsenenalter gestellt werden. Ein guter Schulabschluss ist da Pflicht, danach Studium, und schließlich ein Job, der respektiert, mindestens jedoch gut bezahlt wird.
Läuft dann mal etwas nicht entsprechend des festgelegten Plans – eine schlechte Note, oder gar ein Jahr Wiederholung in der Schule – wird dem Kind sofort deutlich gemacht, wie sehr es die Erwartungen enttäuscht hat.

Das führt in der Konsequenz dazu, dass wir selbst anfangen, nur noch in Erwartungen zu denken und zu handeln. Wir quälen uns durch Jobs, die uns keinen Spaß machen, studieren BWL, auch wenn wir das Thema langweilig finden, weil wir die Erwartungen, die wir an das Leben haben dann mit Geld zu erfüllen glauben. Wir passen unser Verhalten so weit an, dass es die Erwartungen anderer an uns und unsere Gruppe erfüllt. Sowohl als Frau als auch als Mann dürfen wir keinesfalls dem durch unsere Gesellschaft implizit festgelegten Rollenverhalten entfliehen. Frauen dürfen beispielsweise nicht auf Sex aus sein, sonst gelten sie als „Schlampe“ oder ähnliches, sie müssen schwer zu erobern sein und jegliche Initiave hat sowieso immer vom Mann auszugehen. Männer hingegen dürfen keinesfalls Gefühle zeigen, erst recht nicht in der Öffentlichkeit. Das Bild des „starken Mannes“ muss zu jeder Zeit aufrecht erhalten werden. Viel weiter will ich hier auch gar nicht auf die Erwartungen eingehen, die an das Rollenverhalten der Geschlechter gestellt werden – alleine hierzu ließe sich ein ganzes Buch verfassen.

Erwartungen bestimmen aber nicht nur unsere Außendarstellung und wie wir uns geben, sondern haben auch einen ganz maßgeblichen Einfluss auf unsere persönlichen Beziehungen. Wie kann, nein, wie muss ich mich in einer Beziehung zu meinem Partner verhalten, und noch viel wichtiger, was muss ich fühlen? Über Film und Fernsehen werden so viele Formen von prototypischen Beziehungen an uns heran getragen, dass wir auch hier anfangen, unsere eigene Beziehung mit diesen Erwartungen zu füllen – und wenn der Partner dann nicht bis ans Ende der Welt für uns geht, sein unsterbliches Leben als Vampir aufgibt um den Rest der Zeit mit uns zu verbringen sondern doch wieder nur Pfannkuchen zum Frühstück macht, denken wir sofort, dass da doch noch mehr sein muss.

Jede Party auf die wir gehen, jeder Moment den wir erleben vergleichen wir mit jenen – oft idealisierten – Momenten der Vergangenheit, und mit einem kleinen Stich entscheiden wir, dass früher doch alles besser war: Freundschaften waren einfacher und enger, als man sie noch nicht mit einem Berufsleben in Einklang bringen musste, das Lernen neuer Dinge fiel einem viel leichter, und überhaupt hatte man mehr Zeit das zu tun, was man wirklich will.

Und wie so oft lehnen wir uns dann in einer stumpfen Melancholie, ja fast Lethargie zurück und warten darauf, dass es doch irgendwann besser wird und unsere Erwartungen doch irgendwann erfüllt werden müssen. Dabei wäre es doch so viel einfacher, unsere Erwartungen aufzugeben, eine dumme Maus zu sein und sich einfach mal mit dem Käse in seine Lieblingsecke zu setzen.

Ein Gedanke zu “Die kluge Maus

  1. Wundervoller Artikel :) Es würde echt gut tun sich ab und an mal von Erwartung anderer (real oder nicht) zu befreien. So, und jetzt such ich mir nen Stück Käse.

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