Black and White

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, bei der Fülle der Berichterstattung über Griechenland nicht auch noch über das Thema zu schreiben – schließlich vergeht keine Stunde, ohne dass ein neuer Artikel zu dem schuldengeplagten Land veröffentlicht wird. Ich komme aber doch nicht ganz darum herum, die Berichterstattung als Beispiel für ein – wie ich finde – typisches Problem im Denken von Menschen zu nehmen.

Betrachtet man die verschiedenen Artikel, entdeckt man immer, dass zumindest die betrachteten Menschen, häufig aber auch die Artikel sich in eindeutigen Aussagen versuchen, was denn jetzt von dieser Krise zu halten ist und, überhaupt, wer Schuld an ihr ist.

Dabei lässt sich gerade die Griechenlandkrise doch nicht so einfach betrachten: Es gibt jene, die sagen, man hätte den Banken die Schulden Griechenlands (für die sie immerhin hohe Risiko-Zinsen erhalten haben), nicht so einfach abkaufen dürfen. Aber haben sich die Staaten Europas nicht auch erpressbar gemacht, da sie auf die Kredite der Banken (und niedrige Zinsen) für ihre Refinanzierung angewiesen sind? Gab es da eine Wahl?

Und wie sieht es mit dem Thema Schuldenschnitt und Reformen aus? Tut Griechenland „genug“, und wenn nein, warum nicht? Hätte ein Schuldenschnitt längst statt finden müssen? Antworten auf diese Fragen gibt es in Unmengen, und eine längere Diskussion des Themas Griechenland würde die Länge dieses Blog-Eintrags auch sprengen.

Fakt ist aber doch, dass wir nach genau diesen Antworten suchen. Wir wollen für uns selbst eindeutig festlegen können, was die Ursache für die Situation ist, wer verantwortlich ist, und wer hier „gut“ oder „schlecht“ ist. Und wenn wir einen Schritt zurück treten, werden wir feststellen, dass diese Suche nach den absoluten Urteilen sich durch alle Bereiche menschlichen Lebens durchzieht.

Lernen wir neue Menschen kennen, bilden wir uns häufig schnell ein Urteil über sie, dass letztendlich immer nur aus einem „gut“ oder „schlecht“ besteht; nur verpacken wir dieses in viele Adjektive: Langweilig, aufgedreht, verkopft, dumm usw. auf der einen Seite; witzig, gechillt, intelligent, interessant usw. auf der anderen, und mit vielen, vielen weiteren Adjektiven untermauern wir unsere Meinung einer Person. Bei oberflächlichen Bekanntschaften ist hier häufig schon Schluss, und alles was die Person tut oder sein lässt, wird entweder ignoriert, wenn es der „falschen“ Seite von Adjektiven entspricht, oder bestätigt und nur bei unserer Meinung. Glücklicherweise schaffen wir es aber gerade bei längeren Freundschaften Personen differenzierter zu sehen und als dass, was sie sind: Menschen mit Stärken und Schwächen, nicht gut oder schlecht, schwarz oder weiß, sondern irgendwas dazwischen.

Viel schlimmer ist dieses Schubladendenken eigentlich bei den komplexen Themen unseres Alltages, wie den Diskussionen über gesellschaftliche Belange, zum Beispiel der Griechenland-Krise oder auch anderen aktuellen Themen wie Flüchtlingshilfen oder die NSA-Spionage (auch so ein Dauerthema). Für die Fülle an Themen, über die man sich eigentlich umfassend informieren, mit jemandem diskutieren und viel Zeit überhaupt für das Verstehen aufbringen müsste, bleibt kaum Zeit. So sind wir bereit, Werturteile von Medien (Stichwort: Bild-„Zeitung“) oder Politikern zu akzeptieren um auch eine Einordnung in gut oder schlecht vornehmen zu können, und ja nicht ohne eigene Meinung da zu stehen. Dabei ist es meiner Meinung nach gerade auch ein Zeichen von Authentizität und ein Schritt in die richtige Richtung, häufiger auch mal zu sagen „da habe ich keine eindeutige Meinung zu“ oder „da konnte ich mich noch nicht ausreichend mit beschäftigen“, statt allzu schnell nach dem Überfliegen von drei Nachrichten-Headlines die Meinung eines anderen zu übernehmen und die schwarze oder weiße Schublade glücklich, aber unwissend über den wahren Inhalt zu schließen.

Ein Gedanke zu “Black and White

  1. Sich eine Meinung zu bilden ist leider harte Arbeit. Daher ist es sehr komfortabel einfach die als Berichterstattung getarnten Hassschriften der Bildzeitung zu übernehmen. Die finde ich im Moment absolut unerträglich. Neulich, Titelgeschichte: „So und so viel Millionen Euro gibt Hannover für Flüchtlingsheime aus“. Da wundert mich das Erstarken der rechten Bewegungen nicht. Konsequenterweise ist das anschließend brennende Flüchtlingsheim auf Seite 5.

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