Der Radiowecker

Jeder kennt ihn, keiner mag ihn – den Radiowecker. Tag für Tag holt er uns aus unseren Träumen zurück in das, was er als Realität bezeichnet. Nur eine kleine Auszeit gewährt er uns. Zehn Minuten, um dem Alltag zu entkommen, um nachzudenken. Ein kurzer Moment der Stille, in dem wir unsere Gedanken schweifen lassen können, weit weg zu all dem, was uns wirklich bewegt. Die Macht zu haben, einen Schritt zurück zu treten, sich und die Welt aus einem weiteren Blickwinkel zu sehen und die Dinge wirklich zu erfassen: So wie sie sind, und nicht wie sie vorgeben zu sein. Dann ist der Moment vorbei, und der Wecker erinnert uns mit den immer gleichen Liedern daran, dass es kein Entkommen gibt. Keinen Ausweg aus der Masse, die als breiter Strom immer gerade aus marschiert; entlang der Grenzen, die alle vorgeben zu sehen. Zehn Minuten gibt uns der Wecker, doch dann reißt er uns wieder mit. Keine Zeit verschwenden, haben wir doch so wenig davon, bei der Geburt schon den größten Teil verkauft. Und so fügen wir uns wieder in die Masse, erlauben ihr, uns mitzureißen, und sehnen die nächste kleine Pause am Straßenrand herbei.

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